Geschlossene Macht-Systeme und ihr Monopol

Vor einigen Tagen hörte ich einigen Menschen zu, die über ein muslimisches Mädchen mit Kopftuch diskutierten und wie ihm zu helfen sei, mehr persönliche Freiheit zu erlangen. Es wurden einige interessante Argumente angeführt (etwa, dass ein muslimisches Jugendangebot bzw. das Tragen des Kopftuches für ein muslimisches Mädchen ein Mehr an Freiheit bedeuten kann, weil es sich damit außerhalb des Familiensystems bewegen kann), es kam allerdings auch zum Ausdruck, dass es oft eben leider nicht gelänge, besagten Menschen zu mehr persönlicher Freiheit zu verhelfen. Und während ich weiter zuhörte, kam mir ein interessanter Gedanke: die Familie ist – vor allem in eher traditionell angehauchteren Familien – ein weitgehend geschlossenes Macht-System.

Das Phänomen des leeren Blickes

Um zu erklären, was ich damit meine, muss ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Zeugen Jevovas oder anderen Vertretern der Straßenbekehrer, weil ich – wenn ich nicht gerade in Eile bin – mich sehr für verschiedene Perspektiven zum Thema Glauben und Leben allgemein interessiere. Mit der Zeit ist mir jedoch aufgefallen, dass meine Gesprächspartner unter den Straßenbekehrern oftmals Menschen sind, die oft gar nicht so viel über die – angeblichen – Grundlagen ihres jeweiligen Glaubens (also Bibel, Koran, …) zu wissen scheinen, sollten sie auf jemanden wie mich treffen, der die jeweiligen Werke interessiert gelesen hat und vertiefte Fragen zu stellen weiß.

Wirklich interessant wird es für mich jedoch, wenn ich anfange, ihnen gewisse Fragen zu stellen, die geeignet wären, ihren (oft sonderbar oberflächlich wirkenden) Glauben zu erschüttern, die beispielsweise Widersprüche in den Texten behandeln. Dann habe ich bereits mehrmals ein Phänomen beobachtet, dass ich für mich das „Phänomen des leeren Blickes“ nenne: jemand scheint mich gar nicht mehr hören zu können, sobald ich gewisse Aspekte anspreche. Wechsle ich zurück auf ein „einfacheres“ Thema, läuft das Gespräch wie gehabt weiter, als würde meinem Gesprächspartner gar nicht auffallen, was gerade Seltsames geschehen ist.

Mit der Zeit habe ich dazu für mich die Hypothese entwickelt, dass ich – mehr oder weniger zufällig – mit meinen Fragen die Aspekte des Glaubens des Anderen berührt oder in Frage gestellt habe, die die Grundfesten ausmachen, jene, die er nicht hinterfragen kann, weil er dafür seinen Glauben gewissermaßen von außen betrachten müsste, und dazu ist er (noch) nicht bereit oder fähig.

Ursachen des Phänomens

Ich habe mich bereits wiederholt gefragt, warum diese an sich sehr intelligent und wissbegierig wirkenden Menschen offenbar an einigen „wunden Punkten“ nicht fähig oder willig scheinen, sich bzw. ihren Glauben „von außen“ zu betrachten, und meine derzeitige „Arbeitshypothese“ läuft daraus hinauf, dass sie sich durch ein Hinterfragen „von außen“ eben auch außerhalb der hinterfragten Gruppe oder Gruppen-Identität stellen, und dass die Konsequenzen dieser potentiellen Trennung untragbar erscheinen. Derjenige, der nicht wagt, bestimmte Aspekte seines Seins oder Tuns zu hinterfragen, befindet sich damit in Abhängigkeit der Gruppen, als deren Teil er diesen Aspekt aufrechterhält.

Weil dies sehr abstrakt formuliert ist, ein einfaches Beispiel: das 12-jährige Mädchen, das auf Wunsch ihrer Familie oder ihrer Glaubensrichtung Kopftuch trägt, ist faktisch von seiner Familie abhängig. Es darf in Österreich als zu junge Jugendliche noch nicht arbeiten, was eine gewisse physisch/finanzielle Abhängigkeit zur Familie bedingt, zudem ist es emotional, sozial und in seiner Identität wahrscheinlich noch nicht fähig, unabhängig von ihrer Familie zu leben, was bedeutet, dass ihre Familie (als der Gruppe, von der sie abhängig ist) die Grenzen ihrer Freiräume definiert. Selbst wenn ihre generelle Glaubensrichtung in Österreich kaum reelle Macht besitzt und sie nicht zum Tragen des Kopftuches zwingen kann, kann ihre Familie es tun, wenn sie glaubt, dass dies aus religiösen Gründen richtig ist, oder auch einfach aus dem Grund, weil es der Familie so recht oder bequem ist. Es wird ihr nichts nützen, wenn in Österreich das Recht der Frau auf Selbstbestimmung in der Verfassung steht. Solange sie sich in direkter Abhängigkeit zu anderen Mächten befindet, haben diese anderen Mächte Vorrang.

Trifft dieses Mädchen nun eine engagierte Sozialarbeiterin oder Freundin oder wen auch immer, die es ihr ermöglicht, auch andere Möglichkeiten für sich erträumen zu können, bricht dieser Akt der Unterstützung zwar einen Teil der Abhängigkeit auf, vor allem den emotionalen und sozialen, indem das „Monopol“ der Familie aufgebrochen wird – aber wie oft wird es vorkommen, dass das Mädchen in die Lage versetzt wird, sich auch finanziell/physisch aus ihrer Abhängigkeit lösen zu können? Zudem: wie stark darf es darauf vertrauen, dass diese Unterstützung von außerhalb der Familie auch verlässlich aufrechterhalten wird? Wird die Sozialarbeiterin auch in zwei Jahren noch an ihrer Seite sein? Wird die staatliche Unterstützung weiter ausbezahlt werden, wird sie (falls sie schon etwas älter ist und sich traut, gegen den Willen der Familie einen Job anzunehmen) den Job behalten, die Unabhängigkeit von der Familie dauerhaft aufrechterhalten können?

Das Beispiel des 12-jährigen muslimischen Mädchens ist plakativ gewählt. Im Grunde geht das Phänomen jedoch noch viel weiter. Abseits der medialen Aufmerksamkeit betrifft es im Grunde einen jeden Menschen, ist er hier geboren oder nicht, ist er 6, 12, 18 oder 53: worin besteht meine Abhängigkeit, steht sie mir im Weg, und: kann bzw. wie kann ich sie überwinden? Abhängigkeit an sich muss nicht per se problematisch sein, kann auch eine Art von Geborgenheit bedeuten. Das Problem entsteht dort, wo notwendige Entwicklungen und Ablösungsprozesse nicht durchgemacht werden können – und abstrakt formuliert ist damit immer dann zu rechnen, wenn geschlossene Systeme von Macht und Abhängigkeit in Form eines Monopols auftreten.

In dem Sinne halte ich es für sehr interessant, wenn es Migranten möglichst schwer gemacht werden soll, Arbeit zu finden, obwohl Arbeit zu finden und damit Denk-, Rede- wie Handlungsmöglichkeiten für die Arbeitenden zu erweitern womöglich der rascheste Weg wäre, problematische traditionelle/familiäre Machtstrukturen zu durchbrechen. Denn wer physisch/finanziell direkt abhängig ist von einem autoritären Familienoberhaupt, der mag sich trauen, selbstständig zu denken, aber dem Oberhaupt zu widersprechen oder gar ihm zuwiderhandeln, dazu muss derjenige schon großen Mut besitzen.

„Größere“ geschlossene Macht-Systeme

Ich habe in diesem Artikel bisher weitgehend familiäre Macht-Systeme beschrieben, aber im Grunde lassen sich die beschriebenen Phänomene auch gut auf größere Systeme umlegen, seien es Glaubens-Systeme oder auch Gesellschafts-Systeme. Vor gar nicht allzu langer Zeit war es auch bei uns lebensgefährlich, gewissen Glaubens-Dogmen öffentlich zu widersprechen. Offene Kritik am herrschenden Gesellschafts- wie Wirtschaftssystem ist zwar an sich hier in Österreich durchaus „erlaubt“ und sogar ganz gern gesehen, allerdings interessanterweise innerhalb gewisser Grenzen, ab denen wiederum das Phänomen des leeren Blicks anzutreffen ist. Es ist beispielsweise für den Großteil meiner Bekannten durchaus akzeptabel, Gehälter zwischen 1000 und 3000-4000 Euro zu verdienen, sich vorzustellen, 10000 Euro im Monat zu verdienen (unabhängig davon, ob die eigene Leistung es rechtfertigen würde), fällt den meisten der von mir dazu Befragten jedoch wiederum schwierig. Oder sich zu fragen, ob man „Leistung“ denn überhaupt mit Hilfe von Geld „messen“ kann und ob es damit überhaupt so etwas wie eine „gerechte“ Bezahlung geben kann.

Aus der Perspektive geschlossener sowie offener Macht-Systeme (offen = kein strenges Monopol auf Abhängigkeiten) heraus entstehen einige interessante Parallelen zwischen aktuellen Diskussionen und geschichtlicher Entwicklungslinien. Etwa die kontroverse Bibel-Übersetzung durch bzw. um Martin Luther hier in Europa und der Annahme, man könne den Qu’ran nur im Original, auf Arabisch verstehen, und auch nur dann, wenn man genügend gelehrt sei (wobei fraglich ist, wer aus welchen Gründen bestimmen darf und bestimmt, wer denn als „gelehrt“ bzw. „gläubig“ gelte).

Ist die oben beschriebene Perspektive der geschlossenen Macht-Systeme korrekt, so geht es am Kern-Problem vorbei, Menschen anderen Glaubens (oder anderer Tradition, anderer Ideologie im Allgemeinen) davon überzeugen zu wollen, dass die eigene Ansicht die (für alle Beteiligten) sinnvollere sei, weil der andere – solange er sich in existenzieller Abhängigkeit befindet – mir gar nicht folgen kann. Die Frage wird vielmehr, wie es möglich sein kann, einem jeden Menschen eine Existenzform zu ermöglichen, die es ihm ermöglicht, sich aus ehemals geschlossenen Macht-Systemen zu befreien, wie es also möglich ist, diese geschlossenen Macht-Systeme aufzubrechen, Alternativen zu schaffen, ohne notwendigerweise das Herkunfts-System und möglicherweise wertvoller Teilaspekte desselben gleich mitzuzerstören.

Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, mein Gesprächspartner also nicht nur frei denken, sondern auch frei sprechen und handeln kann, wird eine Diskussion mehr als ein Monolog sein können.

Niklas

Unterdrückung und Förderung von konstruktiven Entwicklungsprozessen in Gruppen

Ich habe hier auf diesem Blog bereits ausführlich über den Heilungskreis und seine Ähnlichkeiten mit dem was ich signifikante Entwicklung oder qualitatives Lernen  nenne geschrieben. Das Modell ist eher auf eine 1:1-Beziehung, etwa zwischen Lehrer und Schüler bzw. Therapeut und Klient bezogen. Einige Muster in den Erfahrungen an meiner neuen Arbeitsstelle haben mich veranlasst, diese mit besagtem Heilungskreis in Beziehung zu setzen und ein grobes Modell für einen allgemeineren Kontext wie einer Gruppe, Klasse oder eben in meinem Fall kleinen Institution daraus abzuleiten. Vieles davon ist Hypothese, wilde Vermutung und keinesfalls wissenschaftlich abgesichert. Sollten allerdings nur Teile davon der Wahrheit entsprechen, wären die möglichen Konsequenzen gravierend.

Wenn Institutionen/Gruppen „feststecken“

In der Institution, an der ich seit einigen Monaten arbeite, bestanden zum Zeitpunkt meiner Übernahme zahlreiche Konflikte zwischen den einzelnen Kindern und Jugendlichen sowie zwischen einigen Mitarbeitern und auch untereinander. Meine Vorgängerin hatte es – wohl unter großen Anstrengungen – zuwege gebracht, dass der Alltag in der Institution für alle Beteiligten gut ertragbar geworden war, indem sie und ihre Mitarbeiter die bestehenden Konflikte gar nicht erst ausbrechen  und austragen ließen. Und so war der Umgang miteinander im Alltag auch weitgehend friedlich, wenn auch relativ straff durchorganisiert.

Nach meiner Übernahme waren mir naturgemäß nicht alle dieser eintrainierten Abläufe 100%ig bewusst, weswegen ich – teils versehentlich, teils absichtlich, weil ich Abläufe als unnötig kompliziert empfand – so manches aus Sicht der Kinder und Jugendlichen wie auch meiner Mitarbeiter wohl „nicht korrekt“ machte. Und immer wieder, oft aus mir nicht ganz ersichtlichem Grund, gab es manche Tage, an denen irgendwie alle halb am Durchdrehen waren. Wo es völlig zu eskalieren drohte, schritt ich deeskalierend ein, ansonsten ließ ich die Beteiligten auch viel untereinander austragen, während ich wachsam beobachtete.

Gefühlt werden diese potentiellen Eskalationen bereits wieder weniger, vor allem aber fällt mir auf, dass plötzlich eine Art von Entwicklung stattfindet, die ich selbst nicht für möglich gehalten hatte, als mir von der Vorgeschichte der Institution erzählt wurde. Nicht nur die Kinder und Jugendlichen werden ruhiger und konstruktiver miteinander, auch die erwachsenen Mitarbeiter ändern zunehmend und oft sehr drastisch ihr Verhalten. Einiges davon habe ich auch aktiv angeregt und meine Gründe erklärt, manches davon habe ich jedoch nicht einmal als Wunschvorstellung ausgesprochen und trotzdem tendiert die allgemeine Entwicklung der Institution gerade in genau die Richtung, die ich mir als mögliches Ziel vorgestellt habe, als wäre diese Art von Entwicklung eine Art natürliche Entwicklung, wenn erst die Bedingungen dafür vorhanden sind.

Die Institution als Ganzes scheint in der ersten Phase des Heilungskreises stecken geblieben zu sein, bevor ich dort übernommen habe, nämlich jener, dass irgendetwas sich nicht so recht richtig anfühlt, aber man noch nicht bereit ist, das Risiko einer radikalen Weiterentwicklung einzugehen. Irgendwie dürfte ich oder vielmehr dürften wir alle gemeinsam es geschafft haben, den so wichtigen mutigen Schritt der Aufgabe alter Strukturen zu gehen. Im Modell des Heilungskreises braucht es dazu die Übergangsperson, die im Moment der totalen Selbstaufgabe (was Paulo Coelho in „Brida“ die „dunkle Nacht des Glaubens“ nennt) Vertrauen und Mut schenkt, es trotz aller existenziellen Ängste zu wagen. Offensichtlich wird mir das Vertrauen geschenkt, diese Rolle ausfüllen zu können.

Unlängst übernachtete ich bei einer alten Freundin, die mir in einem Nebensatz sagte, ich sei „emotional extrem stark“, und der Satz ist mir hängen geblieben. Mir ist schon lange aufgefallen, dass ich emotionale Ausbrüche in jeder Richtung ganz gut und wertfrei aushalten kann, ohne sie persönlich zu nehmen – wahrscheinlich auch weil ich in meinem Leben immer wieder mit psychisch grenzwertigen Menschen zu tun hatte und habe, und da entwickelt man wohl früher oder später die Fähigkeiten, mit emotionalen Ausbrüchen in jede Richtung umzugehen. Tatsächlich kenne ich wenige Menschen, die es wie ich aushalten können, wenn Kinder oder Jugendliche emotionale Konflikte wirklich austragen und auflösen. Das ist oft mit Schmerz verbunden, selten auch physisch, immer jedoch emotional und ergibt sich bereits aus dem Heilungskreis.

Was in der Folge oft passiert, wenn Erwachsene das Austragen emotionaler Konflikte zwischen Kindern und Jugendlichen selbst nicht aushalten können – eben weil sie es persönlich nehmen und von der emotionalen Tiefe zu betroffen sind dass sie sie aushalten könnten – ist entweder der Versuch der Unterdrückung des Konfliktes durch die eigene Autorität oder ein Sich-Rausnehmen aus dem Konfliktes aus (emotionalem) Selbstschutz. Im ersten Fall wird der Heilungskreis bzw. der Prozess des qualitativen Lernens unterbrochen und behindert, im zweiten Fall besteht die Gefahr der Entstehung von emotionaler Panik.

Emotionale Panik

Wer viel mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wird vielleicht schon wie ich festgestellt haben, dass diese sich in Anwesenheit von Erwachsenen anders verhalten als in Abwesenheit dieser. Im zweiten Fall gehen sie üblicherweise ein erheblich weniger emotionales Risiko ein und sind verantwortungsbewusster. Für mich bedeutet dies, dass sie sich in Anwesenheit Erwachsener (bzw. einer Vertrauens-/Übergangsperson unabhängig vom Alter) emotional mehr in eine Situation einlassen können, weil sie davon ausgehen, dass diese sie hindurchbegleitet und sie im Notfall emotional hält.

Emotionale Panik entsteht aus meiner Sicht dann, wenn das Vertrauen nicht gerechtfertigt war und die Vertrauensperson den notwendigen sicheren Rahmen nicht halten kann oder will. Dies sind Situationen, in denen dramatischte Verletzungen (emotional wie physisch) passieren können, und meine Hypothese ist, dass sie dort entstehen, wo die Vertrauensperson erst den Eindruck vermittelt hat sie könne mit einer Situation umgehen, diese sich dann überfordert fühlt aber nicht die Autorität verspürt, eine Eskalation zu unterdrücken und in für sie kontrollierbare Rahmen zurückzudrängen. Es macht einen Unterschied, sich aus einer emotional aufgeladenen Situation herauszuhalten, weil man es den Parteien zutraut, dies auch alleine zu lösen, oder sich herauszuhalten (oder noch schlimmer: währenddessen plötzlich herauszunehmen), weil man dabei selbst überfordert ist. Wenn niemand mehr den Rahmen hält, entsteht emotionale Panik, und die Gefahr des Fallens jeglicher Selbstkontrolle und damit einer weitgehenden Unzurechnungsfähigkeit. Emotionale wie physische Verletzungen sind die Folge.

Emotionale Stabilität

Um den Zustand emotionaler Panik nicht aufkommen zu lassen, ist es wichtig, die Grenzen der eigenen Autorität und Fähigkeiten sehr gut fühlen zu können und im Falle einer drohenden Überschreitung rasch zu handeln. Gleichzeitig braucht es auch eine gewisse Fähigkeit an eigener emotionaler Stabilität, um die notwendige emotionale Instabilität anderer während ihrer Entwicklungsschritte ausgleichen zu können. Eine Freundin sagte mir unlängst, ich sei ein Mensch, der „emotional extrem stabil“ sei, tatsächlich meinte sie wohl eher „emotional resilient“, das heißt ich bin sehr gut darin, emotionale Instabilitäten „aufzufangen“.

Möglicherweise spielt jedoch auch ein Faktor eine Rolle, den ich auf Englisch „purity complex“ nennen würde, auf Deutsch fehlt mir noch ein schöner Begriff dafür, vielleicht Ideologischer Komplex im sehr abstrakten Sinne. Beschreiben möchte ich damit das geistige Modell, dass manche Emotionen „gut“ und andere „schlecht“ seien. Mein bisheriges Leben und die vielen Bücher, die ich bisher gelesen habe, haben mich vom Gegenteil überzeugt, nämlich dass Emotionen an sich letzten Endes weder „gut“ noch „schlecht“ sind, sondern einfach nur – sind. Erst die Idee der Einteilung teilt sie ein. Und unterliegen sie erst einmal dieser Einteilung, so entstehen gewisse „dunkle“ Bereiche der Seele, die dem jeweiligen Menschen unerreichbar werden und die damit seine qualitative Entwicklung und Heilung behindern.

Emotionale Stabilität zu vermitteln, Heiler oder Lehrer im Sinne qualitativen Lernens zu sein bedeutet aber auch, dem Anderen gerade jene dunklen Flecken erleuchten, erforschen und durchleben zu helfen. Den Hass, den man schon so lange unterschwellig für einen anderen Menschen fühlt, für einen Moment ausdrücken zu können, um ihn überwinden zu können. Die Angst nicht zu genügen fühlen zu dürfen und spüren zu dürfen dass man damit nicht alleine ist. Vielleicht ist „Erleuchtung“ zu finden ja genau das Durchleben jenes Prozesses in seiner ganzen Radikalität, nämlich das Durchschauen der Illusionen jeglicher Ideologisierung des Lebendigen und Realen und damit den Zugriff wiederherzustellen auf alle „Tasten“ des emotionalen Instrumentariums.

Die Essenz der Hypothese noch einmal zusammengefasst: für bestimmte Entwicklungen braucht es eine Übergangsperson, die die dabei entstehenden notwendigen emotionalen Verarbeitungsprozesse aushalten und kanalisieren kann, und zwar jemanden, der ehrlich und authentisch genug ist, seine eigenen Grenzen anzuerkennen und zu wahren, aber gleichzeitig auch jemand, dessen Grenzen weit genug gesteckt sind, um die notwendige Entwicklung ermöglichen zu können.

Mögliche Konsequenzen der aufgestellten Arbeitshypothesen

Was bedeutet dies nun aber für den pädagogischen Alltag? Nun, es mag sehr „erleuchtend“ sein, sich selbst immer wieder ehrlich zu fragen, welche Art von emotionaler Auseinandersetzung man als Autorität unterdrückt und wie man sich dieses Verhalten vor sich selbst eigentlich rechtfertigt. Hält man das unterdrückte Verhalten bzw. die dazugehörige Emotion für grundsätzlich schlecht, ist das eigene Verhalten also Teil der Durchsetzung einer Ideologie der Eigenart „Gäbe es Verhalten/Emotion X nicht, wäre die Welt ein besserer Ort“? Fühlt man sich selbst mit der jeweiligen Emotion überfordert? In welchen Situationen könnte diese Überforderung mich auch privat in meiner eigenen Entwicklung behindern? Wie könnte ich mir selbst Rahmen schaffen, den Raum meiner emotionalen Stabilität zu erweitern?

Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Situation in meiner Institution weiter entwickeln wird. Derzeit scheint gewissermaßen „der Knopf aufgegangen“  und so etwas wie „Momentum“ entstanden sein, also eine Art Perpetuum Mobile, das, anfangs noch durch meine eigene Anstrengung in Bewegung gebracht, nun von selbst Fahrt aufnimmt und Entwicklung über Entwicklung in Gang setzt ohne dass ich mehr allzuviel aktiv beizutragen habe.

Sehr interessant wäre für mich auch, inwieweit diese Prozesse tatsächlich methodisierbar und damit von anderen auch reproduzierbar und wissenschaftlich aufzuarbeiten wären, da die Persönlichkeit der Akteure eine derart wichtige Rolle zu spielen scheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass die exakt gleichen Handlungsweisen, die ich anwende, für andere Menschen zu katastrophalen Ergebnissen führen könnten, da sie immer auch ein gewisses Risiko der emotionalen Panik mit sich bringen und damit ein sehr gutes Gespür auch für eigene Grenzen verlangen

Interessant wäre es für mich auch, ob diese konstruktiven Tendenzen langfristig aufrechterhalten werden können, ob meine „Wirksamkeit“ auf Dauer abnimmt und sich einspielt sowie ob ich diese Prozesse auch in anderen Institutionen und Konstellationen reproduzieren könnte. Ist die Antwort ja, würde das bedeuten, dass ich vielleicht am besten für die Stimulierung eher kurz- bis mittelfristige Umstrukturierungs- und Aufbruchsprozesse geeignet bin, vielleicht eher projektbasiert und befristet auf jeweils einige Monate, vielleicht auch eher in Rand-/beratender Position.

Vor allem auch: handelt es sich tatsächlich um eine Art „natürliche“ Umgangsform, die an meiner Institution gerade entsteht, weil ich die Bedingungen dafür schaffe, ähnlich der „Normalisierung“, die Maria Montessori beschrieben hat, oder handelt es sich nur um eine „logische“ Reaktion auf mein Sein und Wirken? Ist es auch langfristig konstruktiv, diese Umgangsformen aufrechtzuerhalten?

Aber fürs erste bin ich auch erst einmal sehr zufrieden mit meiner aktuellen Position als Leiter der Institution und den vielen schönen Erlebnissen, die tagtäglich in Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern und den Kindern und Jugendlichen entstehen.

Niklas

Produktion und Reproduktion

Langsam aber sicher beginnen auch in meiner neuen Arbeit nun die von mir schon so oft beobachteten Prozesse zu wirken: die Kinder bekommen plötzlich Lust aufs Schreiben, obwohl sie gar nicht müssten. Erzählen mir Geschichten über sich selbst, die sie nicht einem jeden erzählen würden, Geschichten, die ihr Selbstverständnis mit definiert haben. Beginnen, sich mit sich selbst, mir und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, sie produktiv zu gestalten. Was Paulo Freire, mein leider schon verstorbener brasilianischer Lieblings-Pädagoge in seinen Büchern beschreibt, entfaltet sich aufs Neue: den Menschen nicht nur das Lesen der Welt aufzeigen, sondern auch das Schreiben. Nicht nur die Re-Produktion des Bestehenden, Äußeren ermöglichen, nicht nur die Ausbildung zu fähigen Objekten zu fördern, sondern das Akzeptieren des jeweils anderen als Subjekt, als aus sich selbst heraus handelnde Person, mit allen produktiven Folgen.

Von Objekten und Subjekten

Es scheint die Grundfesten unseres Schulsystems eine Art von Vorstellung zu durchziehen, dass Menschen, um aus sich selbst heraus produktiv sein zu können, erst lernen müssen, Vorhandenes zu re-produzieren, und natürlich hat diese Ansicht ihre Berechtigung in dem Sinne, dass ein Sich-Ausdrücken und auch Verstandenwerden das Erlernen einer gewissen gemeinsamen Sprache voraussetzt. Die Problematik beginnt dort, wo die Re-Produktion als Ziel statt als Mittel angesehen wird. Nach Paulo Freire ausgedrückt hieße dann mein Ziel, den Menschen das Lesen beizubringen, aber eben nicht auch das Schreiben. Sie zu verständigen Empfängern zu formen, nicht aber auch zu möglichen Reformern. Paulo Freire hatte meiner Ansicht nach recht, wenn er schrieb, dass sein Ansatz ein höchst politischer sei, und die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, Schreiben zu lernen, sei ein ebenso höchst politischer Akt. Dieser Akt sagt: Ja, ich will sie mitschreiben, meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Familie, meines Landes, dieser Welt. Ich verbleibe nicht passives Opfer der Umstände. Ich bin Subjekt. Ich kann handeln.

Ein Mensch, der zu der Vorstellung gelangt ist, Subjekt zu sein, ist ein zutiefst produktiver Mensch, auch wenn er sehr wahrscheinlich die Notwendigkeit der Re-Produktion als Mittel zum Zweck anerkennt. Kein großer Maler wird abstreiten, dass es viele Stunden dauerte, bis er seine Technik verfeinert hat, kaum ein großer Musiker abstreiten, dass er jahrelang geübt hat, bis er die Töne, die er spielen wollte, seiner Intention gemäß re-produzieren konnte. Nur hatte diese Reproduktion einen ihm bewussten und von ihm intendierten Zweck, ist nicht fremdbestimmt, sondern von ihm selbst als Mittel zum Zweck als notwendig und sinnvoll empfunden.

Das Subjekt und die intrinsische Motivation

Im Grunde hat – so hoffe ich – ein jeder sowohl in eigener Erfahrung als auch durch Beobachtung den Unterschied wahrnehmen können, etwa zwischen einem Kind, das eine Hausübung genervt abarbeitet (und damit ohne die Ausrichtung auf ein ihm verständliches Endziel re-produziert, was von ihm verlangt wird) und einem Kind, das – vielleicht sogar mit ebenso großen fachlichen Schwierigkeiten – sich durch eine ihm bedeutsame Aufgabe kämpft. Ersteres braucht oftmals direkte oder indirekte Motivation von außen, um die Aufgabe zu erledigen, das zweite wird vielleicht zwischendurch aufgeben, aber (wenn es nicht zu sehr enttäuscht ist, die Aufgabe nicht zu schaffen) immer wieder darauf zurückkommen. Ein aktuelles Beispiel: Vor knapp zwei Wochen stellte mir mein Cousin eine Mathematik-Aufgabe:

Ein Bauer hat ein exakt kreisförmiges Feld von 50m² und will eine Ziege mit einer Leine so am Rand des Feldes anbinden, dass die von ihr abgegraste Fläche exakt das halbe Feld beträgt. Wie lang muss dazu die Leine sein?

Ich habe dann bei ihm noch eine Stunde gerätselt, zuhause noch eine Stunde, bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe noch eine Stunde probiert, sie wieder nicht geschafft, bis ich die Lösung dann am Vormittag des nächsten Tages nach insgesamt gut 5 Stunden Arbeit gefunden hatte. Niemand hat mich extern dazu motiviert, ich hatte keinen Vorteil davon sie zu lösen oder Nachteil, sie nicht zu lösen, und trotzdem fühlte es sich produktiv für mich an – ich wollte herausfinden ob ich es schaffen kann. Die Aufgabe selbst war durchaus reproduktiv, es gibt (wie ich im Nachhinein feststellte) auch im Internet Lösungen dazu, aber ich wollte sie lösen, weil ich jemand sein möchte, der komplexe Problemstellungen erkennen und Lösungen finden kann, und die Aufgabe damit zu einem Mittel für meine Zwecke wird.

Um nun den Kreis wieder ein wenig zu schließen: Ich bin überzeugt davon, dass diese produktive, aus einem selbst motivierte Art zu lernen a) mit Abstand effizienter ist als eine stur reproduktive und b) den Lernenden selbstständiger und unabhängiger macht und damit – in meinem Weltbild – sinnvoller ist.

(Mir ist klar, dass eine gewisse Unselbstständigkeit und Abhängigkeit durchaus auch im Interesse so mancher Menschen liegen könnte. Trotzdem nehme ich einerseits naiverweise und andererseits im festen Glauben, dass es für eine Gesellschaft langfristig besser ist, wenn alle ihre Mitglieder die Möglichkeit haben, produktiv und damit auch innovativ zu sein, an, dass dies ein gemeinsames Ziel von Pädagogen ist)

Aber der Lehrplan…!

Nun liegt natürlich das Argument sehr nahe, dass ein rein Interesse-geleiteter Lernansatz kaum dazu geeignet sei, den gesamten vorgegebenen Lernstoff zu ergründen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist, woran das liegt. Haben diejenigen, die nach jenem Lehrplan lehren, selbst den Wert der vermittelnden Wissensgebiete und Fähigkeiten noch nicht ausreichend erschöpfend verstanden, um den wirklichen Nutzen sichtbar zu machen, oder enthält er auch unnütze bzw. nur für spezialisierte Anwendungen notwendige Bereiche? Nun ist eine Beurteilung dieser Fragen naturgemäß schwierig, weil verschiedene Menschen gewissen Wissensgebieten anhand ihrer Erfahrungen unterschiedlichen Wert beimessen. Um beim Volksschul-Lehrplan zu bleiben: es fällt mir selbst schwer, das vorgesehene Wissen über Pflanzen mit Sinn zu besetzen, weil ich – ehrlich gesagt – leider selbst kaum Ahnung von Pflanzen habe. Ich kann zwar anerkennen, dass es da Faszinierendes zu finden gibt (glücklicherweise habe ich Menschen kennengelernt, die das besser verkörpern als ich), aber selbst könnte ich diese Begeisterung wohl nur schwerlich vermitteln.

Was mich – während ich dies schreibe – zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: kein Mensch wird alleine fähig sein, für alle Stoffgebiete zu begeistern, weswegen es umso notwendiger wäre, möglichst viele Menschen möglichst vielen unterschiedlichen anderen Menschen auszusetzen, die sich für verschiedenste Themen begeistern können, ob sie sich nun offiziell „Lehrer“ nennen dürfen oder nicht. Nicht notwendigerweise, um ihr Wissen oder ihr Können zu vermitteln, sondern um im Anderen den Funken an Begeisterung zum Glimmen zu bringen. Ich kann dies offensichtlich unter Anderem mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Bereich des Schreibens leisten, vermutlich einfach weil ich es so gern tue und seinen Wert regelmäßig erkennen und spüren kann.

Was es dann sonst noch braucht

Hat dieser Funken dann erst einmal jemanden „entflammt“, so braucht jener kaum mehr externe Motivation, dass er etwas machen soll, wohl aber Räume und Werkzeuge, um produktiv sein zu können. Jemand, der Schreiben lernen will, wird auch mit Ästen im Waldboden seine Buchstaben schreiben oder sie legen oder was auch immer, wird eben statt dem Lehrer den Großvater fragen ihm etwas beizubringen, wirklich aufzuhalten sind die Kids da ohnehin schwer. Trotzdem kann man es ihnen ein Stück weit erleichtern, wenn man ihnen Papier und Stifte zur Verfügung stellt und ihnen die Experimentierräume (zeitlich, räumlich, Schutzräume) und Ressourcen zur Verfügung stellt, sich zu versuchen. Schule/Lernzentren etc. in dem Sinne halte ich für eine durchaus sinnvolle Einrichtung.

Und dann gibt es da noch die notwendigen Frusterfahrungen. Wer mal versucht hat, ein Instrument zu erlernen, weiß wohl, wovon ich spreche. Nur zwischen zwei Akkorden auf der Gitarre schnell genug zu wechseln, kann anfangs schon eine Überforderung darstellen. Oder einen  Ton auf dem Saxophon zu spielen, der nicht scheußlich klingt (bei mir kommt da meist nur ein unschönes Piep!, sehr frustrierend). Da kommt dann der Heilungskreis bzw. der Ablauf signifikanten Lernens ins Spiel, über die ich schon des Öfteren geschrieben habe: Es braucht die Frusterfahrung, es braucht die Übergangsperson, es braucht den Schutzraum, den Glauben dass man kompetenter werden kann, den Glauben an die Methoden usw.

Wahrscheinlich war ich – systemisch betrachtet – tatsächlich ein etwas ungeeigneter Lehrer, weil mein Fokus nie auf dem Re-Produzieren als Endziel lag, wie das eben so üblich zu sein scheint in der Regelschule. Was mir wichtig war, war jedem einzelnen mir anvertrauten Kind zumindest eine Art von produktiver Erfahrung zu ermöglichen, egal wie unwahrscheinlich und unmöglich es anfangs schien, im festen Vertrauen darauf, dass ein produktiv, ein Subjekt gewordener Mensch die zu seiner Entfaltung notwendige reproduktive Arbeit danach ohnehin freiwillig und selbstmotiviert (im Sinne von aus sich selbst heraus angetrieben, „motivieren“ und „Motor“ haben ja sehr ähnliche Wortstämme) leistet, solange er durch die notwendigen Frusterfahrungen durchbegleitet wird. Die letzten Jahre haben mir immer und immer wieder gezeigt, dass dieses Vertrauen nicht unbegründet war. Ob dieser Zugang zum Lernen in eine Regelschule passt, bleibt nach meinen doch eher negativen Erfahrungen mit „dem System“ fraglich.

Nichtsdestotrotz funktioniert er für mich – und offenbar zumindest bisher auch für die mir anvertrauten Kinder – wunderbar, weswegen ich auch weiterhin gerne – im Sinne der produktiven Tätigkeit – darüber schreiben und ihn auch praktisch mit Freuden anwenden werde.

Niklas

Über das Schreiben, das Fertigwerden und das damit Geldverdienen

Letzten Mittwoch habe ich in einer letzten Marathon-Session das Manuskript für mein erstes „richtiges“ Buchprojekt über sinnvolle Meetings und Teamsitzungen soweit fertiggestellt, dass ich es für „bereit“ hielt, Test-Lesern vorgelegt zu werden. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, bis Februar soweit zu sein, aber nach einer ersten „Shitty draft“-Version begann ich mit der zweiten dann anspruchsvoll zu werden. Gewöhnt, Artikel oder kleinere Geschichten von 3-4 Word-Seiten am Stück zu schreiben, oft auch gleich zu überarbeiten und dann rasch zu veröffentlichen, ist der Abschluss größerer Schreibprojekte für mich eine riesige Herausforderung.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte:  wie klein der Prozentsatz der getippten Wörter ist, der letztendlich in der Endversion ankommt. In Zahlen ausgedrückt handelt es s ich (derzeit, ich werde wohl anhand des Feedbacks zur jetzigen  Version noch einmal sehr viel um- und neu schreiben, bis ich – und meine Testleser – zufrieden sind) wohl um maximal  noch 20%. Anders ausgedrückt: für ein 100-Seiten-Buch schreibe ich in Wahrheit gut 500 Seiten, von denen der Leser am Ende den Löwenanteil gar nicht zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist es deswegen so schwer, die Arbeit eines Autors (oder Künstlers allgemein) von außen zu bewerten: man sieht immer nur den über der Oberfläche sichtbaren Teil des „Eisberges“ an Arbeit, und das Werk wird auch noch umso besser, je mehr sein Ersteller es reduziert hat.

Eine weitere überraschende Erfahrung war es, festzustellen, dass ein Teil von mir massiv Angst davor hat, fertig zu werden und vor allem für das fertige Werk Geld zu verlangen. Ich schreibe mittlerweile seit vielen Jahren regelmäßig und gerne auf meinen zwei Blogs, werde auch regelmäßig gelesen (Danke an dieser Stelle für die teilweise bereits jahrelange treue Leserschaft!) und freue mich sehr darüber. Aber tatsächlich Geld mit dem Schreiben zu verdienen, das fühlt sich wie eine Art „magische Grenze“ an, die einerseits wünschenswert erscheint, andererseits auch beinahe „identitätsgefährdend“ wirkt. Ich kenne diese magische Grenze aus Erzählungen von Bekannten und Freunden, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf machen oder zumindest ein Nebeneinkommen erzielen wollten, nur leider kaum jemanden, der sie auch mutig übertreten hat, was das Unternehmen in Ermangelung von Vorbildern nicht unbedingt erleichtert.

Und letztlich stelle ich gerade einerseits genervt von mir selbst als auch andererseits fasziniert fest, dass ich mich nach dieser ersten Vor-Veröffentlichung des Beta-Manuskripts am liebsten für mehrere Tage in einer Höhle verkriechen und weder Tageslicht noch Menschen sehen will. Angeblich nennt sich der Fachbegriff dafür laut kurzer Recherche „PPD – Post Publication Depression“ und beschreibt einen völlig normalen Prozess für Autoren. Na dann: offensichtlich überschreite ich gerade die identitätsgefährdende oder doch wohl vielmehr identitäts-verändernde Grenze, die es mir ermöglichen wird, es für denkbar zu halten, dass jemand tatsächlich für mein geschriebenes Wort Geld zu bezahlen bereit ist. Nach dem hier schon des Öfteren beschriebenen Heilkreis befinde ich mich dabei wohl einfach noch in der Frustrations-Phase, die jeder signifikanten Entwicklung vorangeht. Was von außen betrachtet sehr logisch und im Nachhinein betrachtet notwendig erscheint,  ist nur leider im Zustand des Erlebens eine einzige Qual.

Ich habe mich gestern  und heute schon den ganzen Tag damit gequält, ob ich über diesen Zustand schreiben sollte, weil er nur sehr am Rande direkt mit „Bildung“ zu tun hat und auch nicht wirklich die Form einer Geschichte hat. Allerdings weiß ich ja mittlerweile aus langjähriger Erfahrung, dass mir in solchen geistig/seelisch verwirrten Zuständen immer nur das Schreiben hilft, Ordnung in mein Innenleben zu bringen, wie in einer Art Selbst-Therapie. Was mir wiederum – beruhigenderweise – zeigt, dass die „magische Grenze“ des mit-dem-Schreiben-Geld-verdienens  als identitätsstiftende Veränderung im Grunde auch nur eine weitere Illusion ist: Ich bin längst Autor, auf eine viel identitätsstiftendere Art und Weise, als es der Erwerb von Geld durch Tätigkeit jemals ausdrücken könnte.

Eine weitere Erfahrung, die ich mit den Jahren gewonnen habe, ist jene, dass das augenscheinlich Persönlichste in Wahrheit oftmals das Unversalste, Allgemeinste ist, nur in verschiedenfarbigen Kostümen. In der Hoffnung, aus meinen individuell qualvoll erlebten Zuständen durch ein Davon-Erzählen, ein Sichtbarmachen einen Mehr-Wert für andere zu machen, aus einem destruktiv erlebten Leiden etwas Konstruktives  zu erschaffen, veröffentliche ich nun nach längerer Überlegung doch diesen Text.

Möge sich ein jeder darin finden, was er zu finden braucht.

Niklas

Die 3 heilsamen Erfahrungen

Da ich nun nicht mehr an einer Regelschule arbeite und mich in einer Position befinde, in der ich über die Aufnahme, Ablehnung wie auch Verabschiedung der die Institution besuchenden Kinder und Jugendlichen zu entscheiden habe, stellt sich für mich die Frage, ob es für die langfristige Entwicklung der Besucher besser ist, den Besuch bedarfs- oder beziehungsorientiert zu regeln. Bedarfsorientierung würde bedeuten, den Besuch davon abhängig zu machen, ob der Besucher gerade Bedarf an (Lern-)Unterstützung hat, was einerseits eine gewisse Freiwilligkeit des Besuches voraussetzt, andererseits aber bei einer Art „Slot-System“ auch bedeutet, dass die – begrenzten – Plätze für Besucher für diejenigen reserviert sind, die (lerntechnisch) tatsächlich bedürftig sind. Oder im Umkehrschluss: wer zu gute Leistungen bringt, ist raus. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung für die Verbesserung der Leistungen.

Eine andere Variante (die ich derzeit präferiere) wäre ein eher beziehungsorientierter Ansatz, der in seiner Ganzheitlichkeit mehr als die eine Rolle des Bedürftigen, des Unterstützenswerten ermöglicht und den Besucher damit weniger in seiner Rolle einzementiert. In der Folge kam mir dann der Titel dieses Artikels, die „3 heilsamen Erfahrungen“, in den Sinn. Erfahrungen, die ich nun näher beschreiben möchte:

  1. Ich darf bedürftig/imperfekt sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung einer Umgebung, in der jemand zu der Wahrheit, zum realen Ausmaß seiner Kompetenz stehen kann, ohne fürchten zu müssen geächtet, ausgelacht oder sonstwie beschämt zu werden. Es  ist die Scham darüber, etwas (noch) nicht zu können, was wir glauben, dass wir schon können sollten, die verhindert, dass wir in Zukunft mehr können werden. Es ist der Mut, zur Wahrheit im Moment zu stehen, die Entwicklung ermöglicht. Es braucht die heilsame Erfahrung, dass mein aktueller Stand an Kompetenzen nicht dazu führt, ausgeschlossen zu werden. Ich muss noch nicht gelernt haben. Ich darf noch lernen.

  1. Ich kann kompetent sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung der eigenen Kompetenz und Selbstsicherheit bezogen auf bestimmte Fähigkeiten oder Wissensgebiete,  und der einfachste Weg, diese Erfahrung zu machen, ist jemand anderen erfolgreich etwas zu lehren. Ich bin kompetent genug, zu lehren.

  1. Ich darf einfach nur sein

Die dritte heilsame Erfahrung beschreibt die Loslösung sowohl von der Rolle des Lernenden als auch des Lehrenden, was in gewisser Weise der Muße entspricht. Ich darf auch nichts tun. Nichts darstellen. Ich darf einfach nur ich sein.

Das Problem der „passenden“ Zeit jeder Rolle

Nun gibt es – gesamtgesellschaftlich betrachtet – eine Art Konsens, dass jede dieser Erfahrungen grob einer bestimmten Zeit oder Lebensphase zugeordnet ist. Die Erfahrung der Bedürftigkeit wird Kindern, Jugendlichen und vielleicht noch jungen Erwachsenen zugestanden, aber ab einem gewissen Alter hat man dann schon auch kompetent zu sein und sollte etwas „schon längst wissen“. Erwachsene Besucher und Mitarbeiter haben dadurch Schwierigkeiten, sich eine gewisse Bedürftigkeit oder Noch-Nicht-Kompetenz einzugestehen, was ihre eigene Weiterentwicklung unnötig hemmt.

Kompetenz wiederum wird eher dem Erwachsen-Sein wie dem Alter zugeordnet, was zur Folge hat, dass vorhandene kindliche Kompetenz im Großen und Ganzen meist völlig übersehen und schon gar nicht erwartet wird.

Das Problem der Dualität der Rollen

Muße hingegen wird als eine Art Gegenpol zur Arbeit angesehen, was im Bereich der Pädagogik zu der etwas absurden Situation führt, dass Lehrer während der Arbeitszeit ein Bedürfnis nach „aktivem Lehren“ haben – und Lehren für gewöhnlich einen zu Belehrenden braucht. Daher muss der Schüler in der Arbeitszeit des Lehrers eben auch arbeiten – und das relativ unabhängig vom tatsächlichen Nutzen für den Schüler. Anders ausgedrückt:  Die den ersten zwei heilsamen Erfahrungen verwandten Rollen bedingen sich gegenseitig. Es braucht einen Schüler für einen Lehrer, oder er ist nur ein verwirrter Mensch, der mit sich selbst zu reden scheint. Derjenige, der die Erfahrung der Kompetenz sucht, in dem er lehren möchte, braucht also den Bedürftigen als Gegenpart, um sich selbst eine heilsame Erfahrung schenken zu können. Die einfachste Möglichkeit, auch die dritte heilsame Erfahrung machen zu dürfen, ist es, auf Menschen zu treffen, die diese selbst aushalten, ohne in die erste oder zweite zu rutschen (Bedürftigkeit oder Helfen-Müssen).

Wenn ich nun allen Besuchern der Institution, in der ich arbeite, diese drei heilsamen Erfahrungen ermöglichen möchte, so muss ich mich fragen, ob ich diese drei heilsamen Erfahrungen für mich selbst bereits oft genug gemacht habe, um sie jeweils auch anderen zu ermöglichen. Bin ich kompetent genug, um andere so lehren zu können, dass sie sich ihre Bedürftigkeit erlauben können? Kann ich mir also auch als Erwachsener erlauben, inkompetent zu sein, um einem Kind oder Jugendlichen die Erfahrung der Kompetenz zu ermöglichen, mich zu lehren? Kann ich es aushalten, (auch vor anderen, nicht nur wenn niemand zusieht!)  nichts Offensichtliches zu tun, um auch anderen die Erfahrung der Muße zu ermöglichen?

Niklas

Symbolische Motivation

Den meisten Menschen – zumindest jenen, die sich mit Pädagogik beschäftigen – dürften mittlerweile die Begriffe extrinsische und intrinsische Motivation bekannt sein. Als Auffrischung: intrinsische Motivation beschreibt ein Handeln, das aus dem Handeln selbst Befriedigung verschafft (etwa wenn der Einsatz des eigenen Körpers im Training Lustgefühle erzeugt), während extrinsische Motivation (ex = außen) von einem Grund ausgeht, der außerhalb der Handlung selbst liegt (etwa die erhoffte Gewichtsabnahme durch besagtes Training). Intrinsische Motivation ist demnach größtenteils Moment-bezogen, extrinsische auf die Zukunft (ich handle, um etwas zu erreichen oder zu verhindern).

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es mindestens noch eine weitere Art der Motivation gibt, die ich in Ermangelung eines mir bekannten Begriffs dafür für mich „symbolische Motivation“ getauft habe.

Ein Versuch einer Definition

Symbolische Motivation ist für mich dort zu finden, wo ein Handeln oder Nicht-Handeln darauf ausgelegt ist, eine bestimmte Struktur oder Ordnung zu beweisen. Es ist damit eine Art Versuch, die Vergangenheit  in der Gegenwart durch Handeln oder Nicht-Handeln zu rekonstruieren. Relativ einfach lässt sich dies wohl am Beispiel eines Kusses verdeutlichen: Ein Kuss zwischen zwei Menschen kann sehr verschieden motiviert sein: Er kann bei einem oder beiden der Küssenden intrinsisch motiviert sein (zu küssen ist angenehm), er kann extrinsisch motiviert sein (z.B. lass uns den Streit vergessen, lass uns – in der Folge – Sex haben, …) oder eben symbolisch (z.B. wir sind in einer Beziehung, deswegen küssen wir uns, uns nicht zu küssen würde unsere Beziehung in Frage stellen).

In der Realität werden sich die verschiedenen Arten der Motivation vermutlich gegenseitig überlappen, und vor allem die Unterscheidung zwischen extrinsischer und symbolischer Motivation erscheint auf den ersten Blick schwierig oder womöglich sogar sinnlos. Der Unterschied liegt – für mich – in der Objektivität oder der Berechenbarkeit der Folgen. Extrinsische Motivation ist – zumindest in vielen Fällen – von allen Beteiligten als solche erkennbar. Symbolische Motivation hingegen baut auf den jeweils subjektiven Prägungen auf, die bei den meisten Menschen unterbewusst wirken. Während extrinsisch motivierte Menschen also zumeist wissen, was sie tun, ist dies bei symbolisch motivierten Menschen vergleichsweise selten der Fall, oder aber sie glauben nur, es zu wissen.

Beispiele aus dem pädagogischen Alltag

Ich habe mich oft darüber gewundert, wie schwer es vielen Lehrern fällt, Schülern beim selbstständigen Arbeiten oder – noch schlimmer – Nichtstun zuzusehen. Durch die Brille der symbolischen Motivation betrachtet bedeutet ein vollkommen selbstständiger, mündiger und un-abhängiger Schüler implizit eine Infragestellung der eigene Rolle als Lehrer. Wenn meine – unbewusste – Rollenvorstellung des Lehrerverhaltens („Ein Lehrer zeigt Verhalten X und niemals Verhalten Y“) plötzlich nicht (mehr) angebracht ist, wer bin ich dann? Einiges im Verhalten eines Lehrers mag intrinsisch motiviert sein (ich erkläre gerne, ich bereite gerne vor, ich freue mich – empathisch – wenn ein Schüler etwas versteht), einiges extrinsisch (ich bekomme Anerkennung der Eltern/Kollegen/Schüler, ich bekomme Geld, …), ein großer Teil aber auch symbolisch (ich unterrichte, weil ich Lehrer bin). Ein bösartiger Gedanke am Rande: warum muss es wohl in jeder Klasse „schlechte Schüler“ geben, die der besonderen Aufmerksamkeit des Lehrers bedürfen? Würde ein durchschnittlicher Lehrer damit zurechtkommen, wenn – wie durch ein Wunder – alle seine Schüler ihn nicht mehr als Lehrer brauchen würden?

Ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Geschichte: bis vor einigen Jahren sahen alle meine Beziehungen stark nach einem massiven Helfer-Syndrom aus. Wobei ich – in meinem Weltbild – natürlich immer der gute Samariter war, der in heroischer Selbstaufopferung alle „rettete“. Ich habe Jahre (und sehr viel konstruktives wie destruktives Feedback) gebraucht, um überhaupt wahrzunehmen was ich da machte (und bisweilen sicher immer noch tue). Mit der Helfer-Rolle habe ich einen gewissen Wert assoziiert, und kämpfe immer noch bisweilen mit der Frage, wie ich mir denn anderweitig meine Existenzberechtigung erklären soll. Nur: mittlerweile bin ich besser darin geworden, diese ungesunden Momente zu erkennen, und ich kann offener darüber sprechen/schreiben.

Die Problematik

Symbolische Motivation an sich ist nichts Schlechtes oder Abnormales, sie ist sogar sehr alltäglich. Die damit verbundene Schwierigkeit ist jene der Interpretation. Aufgrund meiner eigenen Prägungen werde ich mein Handeln und das Anderer anders interpretieren als diese das tun werden. Ein durchschnittlicher Lehrer wird mein augenscheinliches Nichts-Tun in gewissen pädagogischen Situationen vielleicht für unvereinbar mit der Rolle eines Lehrers halten, was ihn zum Schluss führen mag ich sei kein Lehrer oder – problematischer – ein unfähiger Lehrer, wohingegen ich vielleicht genau umgekehrt interpretieren würde. Dasselbe Phänomen existiert in jedweder Beziehung, sei es zu Familienmitgliedern, Freunden oder auch noch intimeren Beziehungen. Ein jeder Mensch trägt einen Rucksack an Prägungen mit sich, und diese Prägungen ordnen bestimmten Handlungen einen bestimmten – subjektiven – symbolischen Charakter zu.

Ein wohl allgemein bekanntes Beispiel beispielsweise ist die Prägung „wenn du in einer Beziehung bist und dich auch zu jemand anderem hingezogen fühlst, kannst du deinen Partner nicht ‚richtig‘ lieben“. Ich kenne unzählige – auch langjährige – Gegenbeispiele, aber noch viel mehr Beispiele, in denen Menschen sich innerlich zerrissen haben, weil sie daran geglaubt haben, dass das so sein muss (bzw. ihr Umfeld terrorisierten, um die – rein statistisch gesehen offensichtlich relativ normale – „Wahrheit“ geheim zu halten). Ebenso zahlreiche Beispiele von – auch sexuellen – Handlungen, um dem Partner zu beweisen, dass man ihn liebt, obwohl man sich aus verschiedensten Gründen die nichts mit dem Partner zu tun haben gerade überhaupt nicht danach fühlt. Ausgelöst durch diverse Prägungen wie „wenn mein Partner nicht (mehr) mit mir schlafen will, liebt er mich nicht mehr“.

Im Grunde handelt es sich bei vielen dieser Handlungen um Interpretationen nach den Gesetzen einer Art fiktiven Welt, die dann – eben durch die symbolische Motivation der Handlungen – über die tatsächlichen Bedürfnisse in der realen Welt „gestülpt“ wird. Und aus fiktiven Gesetzmäßigkeiten wird am Ende Realität, weil gleich einem Theaterstück alle Beteiligten motiviert sind, ihre Rollen ein- und aufrechtzuerhalten.

Symbolische Motivation kann dadurch durchaus zu einem Minenfeld werden. Die gute Nachricht ist, dass es im Grunde nur Vorteile haben kann, sich bewusst damit zu befassen. Handeln tun wir nämlich so oder so ständig aufgrund von symbolischer Motivation, aber wenn wir uns dabei ein Stück weit über unsere eigenen Vorstellungen von den Gesetzmäßigkeiten der Welt wundern oder sogar darüber schmunzeln können – umso besser.

Niklas

Beziehungen sichtbar machen

Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-Ausprägung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fühle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten Gründen gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genügend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hätte, und fühle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsächlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknüpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun. Mit den meisten meiner länger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und für den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darüber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mäßig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefühlt enger verbunden fühlte, als ich als tatsächlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wäre, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schätzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fällt, meine Verlässlichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man über Gruppendruck eher lächeln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fühlen.

Beziehung entsteht dadurch für mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlängst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich größtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle Brücken zu jemandem abbrechen zu müssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fühle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug über das ewige Kommen und Gehen dieser Gefühle, um üblicherweise niemanden festhalten zu müssen. Es hat eine Art ästhetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrücken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die für mein primäres Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadäquat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primäres Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel ähnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender Intensität durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die türkisen Post-Its mit Menschen, über deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber für die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its für Kontakt mit Menschen, für den ich in unregelmäßigen Abständen eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its für Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa für jemanden, den ich mit einer an völliger Irrationalität grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primären Erleben eine Art von Gruppen-Identität vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wünschen würde. Es waren weniger als ich ursprünglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – für möglich, und das halte ich für einen wichtigen ersten Schritt.

…und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wünsche grundsätzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefühlte Notwendigkeit, Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen mit zu übernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst überfordert, mittlerweile nähere ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied für mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild für mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch für mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung führte und auf die ich regelmäßig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafür geschämt habe, solch ein Werkzeug überhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglücklich, fühlte mich einsam und unfähig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefühlt hätte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darüber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darüber spricht.

Wer es für notwendig hält nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schütze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand für mich nur ein „türkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und türkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsächlicher Energieeinsatz zu der Intensität der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fühlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines ähnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrücklich über private Kontakte. Mir ist natürlich klar, dass im beruflichen Umfeld üblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.