Opfer, Täter und die Anerkennung des Schmerzes

Unlängst kam mir ein Gespräch vor einigen Monaten in den Sinn, in dem es um die grundsätzlichen psychologischen Funktionen einer Gerichtsverhandlung ging. Neben den eher offensichtlichen Funktionen wie Abschreckung (Angst vor Strafe) oder Schutz potentieller zukünftiger Opfer (etwa wenn jemand ins Gefängnis geschickt wird) war in dem Gespräch auch ein sehr interessanter Aspekt aufgeworfen worden: die Anerkennung des Schmerzes.

Es ist ein Aspekt, dessen Wichtigkeit mir auch bei Konflikten zwischen Schülern bereits öfter aufgefallen ist, und wohl einer der Gründe, warum Schüler derart allergisch darauf reagieren wenn sie das Gefühl haben ein anderer stehe nicht zu dem, was er ihrer Ansicht nach getan haben soll. Sobald der Täter in einem Konflikt zugibt, etwas getan zu haben, kann das Opfer der Tat seinen erlebten Schmerz lokalisieren und damit verarbeiten. Ein Vergewaltigungsopfer, dem nicht geglaubt wird, hat keinen Raum im Außen für seinen Schmerz. Ein Schüler, der von anderen Schülern getreten wurde, die es der Lehrkraft schlüssig darstellen konnten sie wären es nicht gewesen, hat keinen Raum im Außen für seinen Schmerz. Und wenn eine Verletzung sehr tief geht – wie es bei einer Vergewaltigung oft der Fall sein wird – verätzt sie, anstatt im Außen gehört und geheilt werden zu können, das Innerste eines Menschen. Zuweilen, je nach Schwere der Verletzung, sind auch äußere Symptome erkennbar, aber in Ermangelung der Anerkennung des Schmerzes ist die Lokalisierung der Schmerzursache mit der Zeit selbst für das Opfer selbst schwierig, weswegen zwar dann im Außen behandelt wird, aber nicht die ursächliche Verletzung.

Die Anerkennung der Täterschaft

Nun braucht es für die Anerkennung des Schmerzes – und damit der Möglichkeit der Heilung des Opfers – jedoch eine oft schwer zu erreichende Voraussetzung: die Anerkennung der Täterschaft durch den Täter. Denn hat niemand eine Tat begangen, wie darf man sich dann noch als Opfer fühlen?

Nun haben bekanntermaßen die meisten Menschen in sich das Bedürfnis, von sich ein „positives“ Selbstbild aufrechtzuerhalten. Auch wenn die exakte Definition von „positiv“ von Mensch zu Mensch durchaus verschieden sein mag, wird kaum ein Mensch freiwillig von sich behaupten, er hätte unprovoziert und nur aus seinem bösartigen Wesen heraus jemand anderem mit voller Absicht Schaden zugefügt. Stattdessen wird ein Täter wahrscheinlich eher behaupten, er sei a) überfordert gewesen, b) dazu provoziert worden, c) es wäre auf Wunsch des Opfers geschehen,  d) es wäre keine Absicht gewesen oder eben e) ein Missverständnis.

Weil die Anerkennung der eigenen Täterschaft sowohl in der Schule als auch unter Erwachsenen oftmals mit zusätzlichen externen negativen Konsequenzen verbunden ist, wird sie entsprechend oft vermieden. In der Folge ist es für die Opfer der Tat meist schwer, den durch die Tat erlittenen Schmerz zu lokalisieren (=zuzuordnen) und auszuheilen.

Je nach Schwere der Verletzung wird es beim Ausbleiben der Anerkennung der Täterschaft durch den Täter entweder zum Versuch einer Gerichtsverhandlung kommen (damit die Gesellschaft die Täterschaft anerkennt und die Verletzung damit verarbeitbar macht) oder zum Versuch führen, andere Menschen vom Tathergang zu überzeugen („Du bist doch mein bester Freund, du glaubst mir doch, oder?“). Befriedigend sind diese Ersatzhandlungen jedoch meist nur zum Teil.

Die Macht der Anerkennung der Täterschaft

Vor einigen Tagen wurde ich spontan von dem Bedürfnis überwältigt, mich bei einem Menschen aus tiefstem Herzen zu entschuldigen, dem ich – so hatte ich plötzlich erkannt – über Jahre ohne es zu merken sehr Unrecht getan hatte. Daraufhin erzählte sie mir, sie hätte nicht mehr damit gerechnet, aber freue sich umso mehr darüber. Dieser Mensch hatte mir zuweilen mein Leben zur Hölle gemacht und war in vielen Situationen Täter gewesen, hatte mich und andere verletzt, aber auch ich hatte ihn verletzt, und die Anerkennung meiner Täterschaft ermöglichte es ihm, sich selbst etwas zu entlasten und auch einen Teil des Schmerzes, der ihn immer wieder übermannte und selbst zum Täter werden ließ, zu verarbeiten. Vor allem aber war der Moment, als ich meine eigene Täterschaft ihr gegenüber endlich anerkennen konnte, ein Moment, in dem ich körperlich spüren konnte, wie viel Energie ich tagtäglich ohne es zu merken aufgewandt haben musste um die Illusion aufrechtzuerhalten, ich wäre in Bezug zu ihr stets nur Opfer gewesen.

Was ich an dieser Stelle zu beschreiben suche, geht weit über ein simples „Ja ich habe etwas angestellt“ bzw. ein „Es tut mir Leid“ hinaus. Oft entschuldigen sich Menschen, ohne dass wir das Gefühl haben, sie würden es ernst meinen. Dies dürfte meiner Erfahrung nach dann der Fall sein, wenn sie sich entweder a) dazu gezwungen fühlen oder, häufiger, b) wenn sie sich entschuldigen wollen, ohne den Grad und die Art der Verletzung erkannt und anerkannt zu haben. Die Anerkennung des Schmerzes und damit dessen Heilung ist nur dort möglich, wo nicht nur ein Schmerz anerkannt wird, sondern genau dieser Schmerz. Deswegen habe ich weiter oben wohl auch intuitiv das Wort „lokalisieren“ benutzt: eine Entschuldigung ist wie eine Heilsalbe, die nur dann wirkt, wenn sie auch die passende Salbe ist und genau auf die Verletzung aufgetragen wird. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, bei einer Verbrennung der linken Hand eine ätzende Salbe auf die Nase zu streichen und dann zu erwarten dass das den Heilungsprozess unterstützen würde – und doch geschieht dies überraschenderweise ständig im emotionalen Miteinander.

Täter  und Opfer in einer Person?

Leider ist das Modell von einer Person als Täter und einer Person als Opfer nur eine sehr vereinfachte Abbildung der Realität. Ein üblicher Streitverlauf zwischen Kindern zeigt dies sehr deutlich auf: beide spielen miteinander (er wollte es), einer übertreibt (provozieren) etwas, der andere interpretiert böse Absicht (Missverständnis), schlägt auf den anderen ein, der (Überforderung) schlägt so hart zurück dass sich der erste weinend beim Lehrer beschwert, er sei „ohne Grund geschlagen worden“ während der andere behauptet, er hätte sich „nur gewehrt“. Beide suchen vor der Autorität des Lehrers die Bestätigung ihrer Opfer-Rolle, um ihren Schmerz fühlen zu dürfen, aber verweigern ihren eigenen Anteil als Täter. Denn obwohl die Umstände sie dazu verleitet haben mögen („ich werde selbst geschlagen“), haben sie durch ihre Gegenwehr selbst Schmerzen verursacht und sind damit auch selbst zum Täter geworden. Nur einen der Schüler als Opfer darzustellen und den anderen als Täter ermöglicht dem einen zwar, seinen Schmerz gut lokalisieren und heilen zu können, dem anderen aber wird diese Möglichkeit verwehrt. Im Alltag wird ein durchschnittlicher Lehrer wohl versuchen herauszufinden, wer von den Schülern mehr schuld ist, und diesem die Täter-Rolle zuweisen – was aus den beschriebenen Gründen nicht ideal ist.

Das obige Beispiel mit den zwei streitenden Schülern ist noch ein vergleichsweise einfaches Beispiel, weil sie sich gegenseitig Täter und Opfer sind. Komplexer (aber nicht weniger lebensnah) wird es, wenn jemand selbst Opfer eines Menschen wurde und aufgrund dessen einem Dritten als Täter Schmerzen zufügt – etwa wenn ein Mann, der als Kind Opfer der Lieblosigkeit seiner Eltern wurde, seine eigenen Kinder nicht zu lieben vermag. Wenn dieser Mann auf sein eigenes Opfer-Dasein verweist, wenn er von seinen Kindern auf ihren unerfüllten Bedürfnisse aufmerksam gemacht wird, so stellt er seine Kinder vor eine schwer aufzulösende Endlos-Schleife: vermutlich hatte auch die von ihm erlebte Lieblosigkeit seiner eigenen Eltern seine Gründe in den Generationen davor, und seine eigenen Eltern würden ihn wiederum an ihre Eltern verweisen, diese wiederum auf ihre und so weiter – bis eine Generation erreicht wird, die bereits gestorben ist und die Verantwortung nicht mehr selbst „weiterleiten“ kann. Alternativ mag man die Verantwortung jeweils weiterleiten bis zum mythischen „Sündenfall“, oder auf erlittene „große Traumata“ einer bestimmten Generation wie Kriege die als Bedingungen realistisch genug klingen, die Ursprünge bestimmter Verhaltensmuster zu rechtfertigen.

Noch problematischer wird es jedoch, wenn ich mir den Geschichtsverlauf in die andere Richtung ansehe. Werde ich meinen eigenen Kindern erzählen, ich hätte sie so behandelt wie ich es tat, weil ich schlicht Opfer meiner eigenen Eltern war? Werden sie es mit ihren Kindern ebenso handhaben? Sind wir also alle dazu verdammt, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit bis in alle Ewigkeit weiterzuführen? Erfreulicherweise dürfte dies nicht der Fall sein, und auch wenn wir von unserer Eltern-Generation gewisse Muster und teilweise auch Traumatisierungen „ererbt“ haben, sind die meisten von uns innerhalb gewisser Grenzen fähig uns zu entscheiden. Und wenn ich anerkenne, dass ich mich entscheiden kann, muss ich auch anerkennen, dass ich dort, wo andere durch mein Handeln Schmerzen erlitten haben, als Täter gehandelt habe. Wenn ich auch das anerkennen kann, so kann ich den erlittenen Schmerz anderer als solchen und als von mir verursachten anerkennen. Erst dann, wenn ich genau diesen Schmerz anerkannt habe, kann ich auf echte Verzeihung hoffen wenn ich darum bitte. Ansonsten handelt es sich um „Blanco-Verzeihungen“, die in der Tiefe nicht verzeihen können, weil der entsprechende Schmerz nie lokalisiert und damit echte Heilung nie möglich wurde.

In der Folge werden Grundmuster sich immer wieder in unserem Leben manifestieren, um uns an unverarbeitete Verletzungen zu erinnern. Wiederkehrende Muster sind damit nicht nur durchaus lästige Wiederholungstäter in unserem Leben sondern auch Orientierungshilfen, die uns helfen können, ursprüngliche Verletzungen zu lokalisieren und das Gegenüber zu finden, das sie uns ursprünglich zugefügt hat – um eines Tages hoffentlich den Raum im Außen zu finden, die innere Verletzung auszuheilen.

Alternativlose Situationen

Was aber, wenn ich in einer Situation andere verletzt habe, in der ich selbst so überfordert war, dass ich das Gefühl hatte, es gebe keinen anderen Weg? Kann man mich auch dann dafür verantwortlich machen? Ist es gerecht, mir auch dann die Schuld zu geben?
Wer an diesem Punkt noch diese Fragen stellt, der möge diesen Artikel noch einmal von Anfang an durchlesen. Es geht bei der Anerkennung des Schmerzes nicht im Endziel darum herauszufinden, wer der Schuldigere in einem Konflikt ist oder war. Es geht darum anzuerkennen, dass die Verletzung real erlebt wurde und reale Schmerzen verursacht hat, um damit Räume für ihre Heilung zu ermöglichen. Und damit ist die Situation in der sich ein Täter befand oder ob er hätte anders handeln können im Grunde völlig irrelevant.

Diese Verwirrung dabei dürfte wohl aus der gefährlich groben Vereinfachung der Realität gewonnen worden sein, dass nur bösartige Menschen Verletzungen verursachen würden und damit im Umkehrschluss verletzende Menschen auch bösartige Menschen seien. Tatsächlich ist es für einen durchschnittlichen Menschen realistischerweise kaum bis unmöglich, alle Konsequenzen seines Handelns vorherzusehen. Eine geplant „gute“ Tat mag langfristig betrachtet dramatische negative Folgen haben, ebenso wie umgekehrt, und der Kontext einer Handlung trägt viel dazu bei, wie eine Handlung zu bewerten ist – ein Kontext, den die meisten Menschen während sie handeln oft gar nicht einschätzen können. Um nun vor sich selbst und anderen als „guter“ Mensch dazustehen, wird die Anerkennung der eigenen Täterschaft und damit Verantwortung für Entscheidungen, die sich in Konsequenz als negativ herausgestellt haben, gerne vermieden – in der Folge wird viel verursachter Schmerz nie von den Tätern anerkannt.

Ich habe einen bewundernswerten Schüler, der zwar regelmäßig etwas anstellt, aber bisher immer dazu gestanden hat. Der auf Nachfrage beispielsweise ohne Zögern antwortet, ja er hätte einen anderen Schüler geschlagen, eigentlich wollte er es nicht aber es sei ihm dann passiert dass er ausgerastet sei. Dieser Schüler gerät oft in Konflikte mit anderen Schülern, aber diese sind jeweils für sich sehr rasch geklärt und die anderen Schüler haben großen Respekt vor ihm, obwohl er sich manchmal „negativ“ verhält und Schmerzen verursacht. Über die letzten Monate hinweg sind die Konflikte, die er mit anderen Schülern noch hat, auch seltener geworden, vermutlich weil er seinen eigenen Beitrag zu den Konflikten – da er sich auch als Täter anerkennt – sehr deutlich sehen kann. Ich glaube, dass viele Erwachsene von diesem Schüler lernen können, zu ihren eigenen Handlungen zu stehen. Denn auch wenn sie nicht stolz auf sie sind und sie ihnen – etwa aufgrund von massiver Überforderung – „passiert sind“, so sind sie doch die handelnden Personen gewesen, die die Schmerzen verursacht haben, und damit die geeignetsten Personen, um den Schmerz anzuerkennen und damit dem Opfer zu helfen, ihn zu lokalisieren und zu heilen.

Ich mag in – für mich – alternativlosen Situationen gewesen sein, aber trotzdem war ich Handelnder und damit – wo Verletzungen durch mein Handeln (oder auch Nicht-Handeln wo es notwendig gewesen wäre) passiert sind – auch Täter. Das macht weder mich zu einem schlechteren noch das Opfer zu einem besseren Menschen. Aber ich kann mir selbst und dem so Verletzten eine Erleichterung sein und meine Täterschaft und damit den verursachten Schmerz auch anerkennen. Und selbst wenn die Situation, in der ich zum Täter wurde, für mich einst alternativlos gewesen sein mag, den Schmerz anzuerkennen erschafft mir im Jetzt eine Alternative, Schmerzen zu lindern und Heilung zu fördern.

Wenn schon nicht für mich selbst, dann im Wissen, damit auch meinen eigenen Kindern und deren Nachkommen eine gangbare und im Positiven nachhaltigere Alternative zur Alternativlosigkeit geschenkt zu haben.

Niklas

Advertisements

Vom Opfer zum Gestalter

In den letzten Tagen hat mich die Frage viel beschäftigt, was manche Menschen zu Opfern ihrer Umstände werden lässt und andere nicht. Was unterscheidet Menschen, die „ihr Schicksal in die Hand nehmen“, von jenen, die ein „schweres Schicksal“ haben? Tatsächlich nur äußere Umstände – oder gibt es womöglich andere Faktoren, die den Unterschied ausmachen, Faktoren, die man erlernen und damit auch lehren könnte? Immerhin handelt es sich bei dieser Frage um die Feststellung einer Grundvoraussetzung selbstständigen Lernens oder gar Lebens an sich: sind manche Menschen „geborene Opfer“, oder können selbst jene, die sich ihr Leben lang immer wieder als Opfer erlebt haben, diesen Teufelskreis durch eigene Initiative bzw. auch Begleitung von außen schließlich durchbrechen? Und falls dieses Wissen lehrbar ist, wäre es nicht ein sehr wertvolles Wissen?

Zufällige oder systemische Opfer

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir als ersten Schritt eine erste Grundunterscheidung treffen, und zwar zwischen einem zufälligen Opfer-Sein und einem systemischen Opfer-Sein. Ein zufälliges Opfer kann beispielsweise Mann sein, der auf offener Straße von einem sein Opfer wahllos auswählenden Räuber überfallen wird. Natürlich könnte man im Nachhinein feststellen, der Überfallene sei durch seine eigene Entscheidung zu genau jenem Zeitpunkt an jener Stelle gewesen, aber in den meisten Fällen wird der Überfallene keine Möglichkeit gehabt haben, dies im Vorhinein zu wissen. Wird jemand zufällig zum Opfer, ist sein Opfer-Dasein keine direkte Folge seiner vorangegangenen Entscheidungen, oder umgekehrt: Der Täter hätte genauso gut jemand anderen für seine Tat auswählen können. Handelt es sich um ein zufälliges Opfer-Sein, so bleibt dieses Erlebnis für die meisten Menschen ein isoliertes, sich nicht-wiederholendes.

Was aber ist mit Menschen, die immer wieder zum Opfer werden, die sich wiederholt in ähnlichen Grundmustern wiederfinden? Es wird sehr rasch sehr problematisch und kompliziert, wenn es zum Beispiel um Gewalt- oder Sexualverbrechen geht, Traumatisierungen und so weiter, weswegen ich (auch aus Mangel an fundierter Kompetenz) diesen Bereich eher ausblenden möchte. Stattdessen möchte ich die Frage eingrenzen: in sozialen Situationen, etwa wenn jemand wiederholt seinen Job verliert, von seinem Partner verlassen wird und Ähnlichem. Gerade in diesen Bereichen nämlich fällt mir bei vielen Menschen ein interessantes Muster auf: sie bewerten die Macht der (äußeren) Bedingungen höher als die Macht ihrer (inneren) Entscheidungen. Die Entscheidungen, die sie jetzt im Moment mit dem Ziele der Überwindung der einschränkenden Bedingungen treffen, scheinen ihnen – metaphorisch ausgedrückt – nicht kraftvoll genug, die Mauern der äußeren Bedingungen zu durchbrechen oder zumindest zu überspringen.

Die unterschätzte Komponente der Zeit

Oftmals haben sie damit sogar Recht. Nur weil ich mich hier und jetzt entscheide, 1x/Woche laufen zu gehen, heißt dies nicht, dass ich das auch wirklich umsetzen werde, wenn meine Bedingungen (Zeitdruck, Gewohnheiten, vielleicht auch schwerfällige Körpermasse, …) zu erschwerend scheinen. Was Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, von wiederholten Opfern unterscheidet, ist wohl die Einbeziehung der Zeit-Komponente. Fügt man der (Un-)Gleichung „Entscheidung < Umstände“ ein Zeitverständnis hinzu, so können wir feststellen, dass die Umstände die uns umgeben die Folge der Summe unserer vergangenen Entscheidungen sind. Was wiederum bedeutet, dass wir, indem wir jetzt eine Entscheidung treffen, die für sich alleine zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreicht, um die Bedingungen zu überwinden die uns einschränken, mit dieser Entscheidung im Jetzt die zukünftigen Bedingungen verändern. Ohne der Einbeziehung der Zeit-Komponente hätte es tatsächlich keinen Sinn, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, wenn die umgebenden Bedingungen sie unausführbar machen (ich bin Opfer und kann nichts daran ändern). Mit ihr aber werden wir selbst zum Mit-Schöpfer nicht nur unserer Entscheidungen, sondern auch der Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen umgesetzt werden. Anstatt uns als Opfer zu erleben, erleben wir mit der Zeit (im mehrfachen Sinne) unsere Selbst-Wirksamkeit.

Das Opfer im Beziehungsnetz

Nun mag jemand richtigerweise einwerfen, schön und gut, aber wir sind ja nicht alleine auf der Welt, und unsere äußeren Bedingungen sind nicht nur die Folge unserer Entscheidungen, sondern der Entscheidungen vieler anderer Akteure ebenso – was als isolierte Aussage völlig korrekt ist. Jedoch ermöglicht auch hier die Einbeziehung der Zeit-Achse einiges an „Spiel-Raum“. Obwohl wir uns unsere Bezogenheit zu bestimmten Menschen und Räumen nicht ohne weiteres aussuchen können (etwa die Befolgung der Gesetze – sie zu ändern ist zwar möglich, aber sehr langwierig und schwierig), können wir uns doch immer wieder für, gegen oder auch für eine bestimmte Art der Bezogenheit zu unseren Mitmenschen entscheiden und damit die Bedingungen für unsere eigenen Entscheidungen entscheidend beeinflussen. Wenn etwa der enge Kontakt zu einem alten Freund sich mit den Jahren nicht mehr passend anfühlt, können wir uns – die statische Variante – über ihn beschweren, und dass er ständig mit uns Kontakt haben will – oder aber die Beziehung zu ihm entsprechend unserer aktuellen Bedürfnisse anpassen.

Natürlich wird diese „Anpassung“ im Kontakt bei vielen Mitmenschen zumindest im ersten Moment einen gewissen Widerstand auslösen, aber auch hier mag wieder unser Bild hilfreich sein: wenn ich jetzt unzufrieden bin und mich als Opfer fühle, ist das die Folge meiner vorangegangenen Entscheidungen. Wenn ich dieselbe Entscheidung im Jetzt wiedertreffe, werde ich mich auch beim nächsten Mal wieder als Opfer der Umstände fühlen. Treffe ich hingegen jetzt eine Entscheidung, die in Zukunft meine Bedingungen verändern könnte, kann ich aus meinem Opfer-Dasein ausbrechen und wieder handlungsfähig werden.

Der Vorteil dieses Zugangs liegt zusätzlich noch darin, dass er auch dort zum Handeln ermutigt, wo es „offensichtlich“ sinnlos erscheint zu handeln. Anstatt ergebnisorientiert zu handeln wird das Handeln vom (direkten) Ergebnis abgekoppelt, um – wenn die direkte Überwindung der äußeren einschränkenden Bedingungen nicht gelingt – zumindest indirekt durch die Beeinflussung dieser äußeren Bedingungen einen Vorteil in der oben beschriebenen Ungleichung „Entscheidung < Umstände“ zu ermöglichen. Und zwar indem der Betrag des Unterschieds so lange verringert wird, bis sich „die Vorzeichen ändern“.

Nachtrag: Aber was bedingt Entscheidungen?

Nochmals darüber geschlafen ist mir aufgefallen, dass noch ein relevantes Puzzle-Teil in unserem Modell fehlt: warum fällt es manchen Menschen leichter, sich für bestimmte Handlungen zu entscheiden und diese Entscheidungen auch umzusetzen?

Ich glaube, dass wir zur Beantwortung dieser Fragestellung überprüfen sollten, ob der betreffende Mensch fähig und willens ist, für sich selbst Prioritäten zu setzen – und nun wirds philosophisch: eine Art Grundgesetz des Lebens ist es für mich, dass ein jeder Moment meines Lebens einzigartig ist und nie mehr in der exakt gleichen Form wiederkommen wird. Jeder Moment meines Lebens entspricht damit einer einzigen Chance, ihn möglichst so zu gestalten, wie er für mich am wertvollsten werden kann, sowohl auf diesen Moment selbst bezogen als auch im Zusammenspiel mit den vorhergehenden und den danach kommenden Momenten (womit wir wieder bei der Einbeziehung der Zeit-Komponente wären). Unabhängig von den getroffenen Entscheidungen selbst lässt sich daraus ableiten, dass zwar die Anzahl an möglichen Optionen zur Gestaltung eines Moments gegen unendlich tendieren, die Anzahl der konkreten Umsetzungs-Durchläufe je Moment jedoch nur 1 beträgt. Anders ausgedrückt: die Chance ist hoch, sich falsch zu entscheiden.

Es steht uns wohl nicht zu, die Prioritätensetzung eines anderen Menschen in seiner Wertigkeit zu beurteilen, aber eine besondere Art der Entscheidung lässt sich dennoch gesondert betrachten: die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, sich möglichst viele Optionen offenhalten zu wollen. Was auf den ersten Blick sogar vernünftig wirken mag (wer hat nicht gern viele Optionen?), führt in der Praxis rasch dazu, dass die Prioritätensetzung eines solchen Menschen von seinen äußeren Bedingungen diktiert wird. Wenn ich frage: Was ist möglich?, so orientiere ich mich an äußeren Bedingungen, nicht an meinen inneren Prioritäten und Wertvorstellungen.

So beängstigend dies sich anfühlen mag (weil es einen jeden von uns, unabhängig vom Umfeld, in die eigene Verantwortung nimmt): die Entscheidung für unsere jeweils einzigartigen Prioritäten bedingt das Werturteil unserer Entscheidungen, und die Folgen dieser Entscheidungen bedingen die Umsetzbarkeit unserer Prioritäten in der Zukunft.

Niklas

Eine (langfristige) Finanzierung guter Taten

Wie finanziere ich eine Organisation, die durch ihre Arbeit einen positiven Einfluss auf ihre Umgebung haben soll, längerfristig? Im Grunde existieren dabei grob betrachtet vier Möglichkeiten, die frei kombiniert werden können:

  • A: Ich finanziere mich durch eine genügend große Anzahl an Kleinspenden.
  • B: Ich finde einen oder mehrere Großspender, seien es Geber der öffentlichen Hand oder auch private Spender.
  • C: Ich habe genug Eigenkapital oder eigenes Einkommen aus anderen Quellen, um meine eigene Tätigkeit oder auch die meiner Mitarbeiter finanzieren zu können.
  • D: Die Tätigkeit erzeugt aus sich selbst heraus Gewinn, der in die Finanzierung der Organisation und ihrer Mitarbeiter fließen kann.

A: Die Abhängigkeit von Kleinspendern

Wer regelmäßig in einer größeren Stadt umherläuft, wird wahrscheinlich schon einmal von einem jungen Mann oder einen jungen Frau angesprochen worden sein, der/die „Spenden-Abos“ für verschiedene Organisationen anpreist. Ich persönlich finde diese Menschen zwar meist persönlich sympathisch, in ihrer Funktion aber ziemlich nervig, unter anderem weil ihr gehäuftes Auftreten in den letzten Jahren zunehmend dazu geführt hat, dass spontane Gespräche unter Fremden mittlerweile mit einer gewissen Skepsis begegnet werden. Gleichzeitig ist mir auch klar, dass sich eine Organisation mit Mitarbeitern auf Dauer nicht sinnvoll ohne Modelle wie jene Spenden-Abos finanzieren kann, weil die verfügbaren Mittel sonst überhaupt nicht planbar sind. Ich kann schwer gute Mitarbeiter halten ,wenn von Monat zu Monat nicht klar ist, ob ich sie bezahlen kann.

Die Folge dieser im Grunde konstanten prekären Lage ist jedoch, dass es für eine Organisation notwendig ist, potentielle Spender mit gut aussehenden Bildern und Zahlen zu überzeugen, was oft dem eigentlichen Ziel der Organisation entgegenläuft. Unlängst wurde mir erzählt, einer Organisation zur Betreuung von Waisenkindern seien die Waisen ausgegangen, und die Verantwortlichen hätten Familien mit vielen Kindern Kinder abgekauft und zu Waisen erklärt, um genug Waisen zu haben um die Weiterbezahlung ihrer Mitarbeiter rechtfertigen zu können. Eine Frau erzählte mir unlängst (und dabei handelt es sich nachprüfbar um eine Tatsache, vor einigen Jahren war der Fall auch in der Zeitung), in Irland seien bis vor relativ kurzer Zeit uneheliche Kinder der Mutter weggenommen worden und in der Folge von einer kirchlichen Organisation für diese „Waisen“ betreut worden. Diese Kinder wurden heimlich an Familien aus den USA verkauft – um die Organisation zu finanzieren.

Vor allem in kleineren Organisationen ist es durch die prekäre finanzielle Lage nur sehr schwierig, Mitarbeiter zu finden und zu halten, die in dem was sie tun gut sind. Oder es handelt sich um Mitarbeiter, deren Wunsch Gutes zu tun erheblich größer ist als ihr Wunsch nach konstruktiven Bedingungen und angemessener Bezahlung, die klassischen selbstaufopfernden Mitarbeiter. Die Folge sind ein vorprogrammiertes Burnout, eine hohe Fluktuation und eine Organisation, die so in die Tätigkeit des Helfens an sich verliebt ist, dass sie unbeabsichtigt eine Abhängigkeit der zu Helfenden von der Organisation erzeugt, die langfristig betrachtet das ursprüngliche Problem oft unnötig aufrechterhält oder sogar noch verschlimmert.

B: Die Abhängigkeit von Großspendern

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle zwischen staatlichen/politischen Geldgebern und privaten unterscheiden, habe aber dann festgestellt, dass das Grundprinzip ähnlich genug ist, um es gemeinsam zu behandeln.

Ist eine Organisation von einem oder mehreren Großspendern finanziert, so ist zwar der bürokratische Aufwand erheblich geringer, aber statt von einer Durchschnittsmeinung einer Vielzahl an Spendern ist die Finanzierung der Organisation nun abhängig vom Urteil und damit auch den Interessen weniger Menschen. Abgesehen davon, dass kleine private Organisationen oft gar nicht den Zugang zu entsprechenden Netzwerken besitzen, ist eine langfristige Planung über 1-2 Jahre hinaus immer noch sehr schwierig. Die finanzielle Situation der Großspender mag sich ändern, deren politische Einstellungen oder Ambitionen, oder auch ihre realen Möglichkeiten (etwa wenn eine Partei eine Wahl verliert und die neuen Machthaber die Mittel einer Instanz nach ihren eigenen Vorstellungen umverteilen).

Unabhängig davon, ob es sich um viele Klein- oder Großspenden handelt, die direkte Abhängigkeit der Organisation bleibt bestehen. Damit macht sie sich leicht erpressbar oder zumindest beeinflussbar, und ist möglicherweise gezwungen, etwas zu tun, was der eigenen Einstellung oder dem erklärten Ziel der Organisation widerspricht.

C: Ich habe Eigenkapital oder Einkünfte aus anderen Quellen

Die Abhängigkeit der Organisation von äußeren indirekten Geldgebern ist dabei zwar auf den ersten Blick geringer, trotzdem entstehen dadurch potentiell schwierige Situationen. Ein statisches Eigenkapital abzuschöpfen ist (je nach Höhe des Eigenkapitals) nicht wirklich eine nachhaltige Lösung, und Einkünfte aus anderen Quellen splitten in den meisten Fällen die Aufmerksamkeit zwischen dem eigentlichen Zweck der Organisation und der zum Erhalt der Einkünfte aus anderen Quellen notwendigen Arbeit. Für so manchen mag es schwierig sein, die Prioritäten zwischen einer Herzensangelegenheit, für die man persönlich draufzahlt, und einer zusätzlichen Einkommensquelle zu jonglieren.

Ein Freund von mir hat dazu eine sehr interessante Lösung gefunden. Er ist selbstständig und verlangt einen leicht erhöhten Stundensatz etwa 10 Monate im Jahr, um in den restlichen zwei Monaten seinem Herzensprojekt nachgehen zu können, ohne sich Geldsorgen machen zu müssen. Vor einigen Monaten ist er ein Monat lang den Jakobsweg gewandert, um sich die innere Kraft für diesen Schritt zu holen, und laut seinen Erzählungen funktioniert das Prinzip bisher wunderbar.

D: Die Tätigkeit erzeugt aus sich selbst heraus direkt Gewinn

Hierbei handelt es sich um die klassische Form eines Unternehmens, bei dem die Kunden durch das Kaufen von Produkten oder Services das Unternehmen finanzieren. Ironischerweise halte ich dieses Modell mittlerweile für auf Dauer am besten geeignet, um a) fokussiert, b) unabhängig und c) nachhaltig arbeiten zu können.

Das Problem an diesem Ansatz ist ja üblicherweise, dass die Zielgruppen, an die sich Sozialprojekte klassischerweise wenden, oft finanziell nicht sonderlich gut ausgestattet ist, oder man – was bei freien Schulen oft der Fall ist – verhindern möchte, eine Organisation nur für Bessergestellte zu schaffen, und entsprechend seine Dienste und Produkte kostenlos bzw. zu einem (wirtschaftlich betrachtet) absurd geringen Preis anbietet (und damit nebenbei gerne noch unbeabsichtigt noch lokale Wirtschaftsstrukturen ruiniert).

Sich selbst für wertvoll erklären

Einer der wahrscheinlich schädlichsten Praktiken, die eine Organisation sich leisten kann, ihre eigenen Leistungen gegenüber ihrer Zielgruppe für minderwertig oder gar wertlos zu erklären. Ein schlauerer Ansatz wäre es möglicherweise, die eigenen Leistungen mit einem realistischen Wert darzustellen, auch wenn dies bedeutet, dass es für Teile der Zielgruppe nicht möglich sein mag, die Leistung direkt zu bezahlen. Sind diejenigen grundsätzlich interessiert an der Leistung der Organisation und fehlt es nur an den (finanziellen) Möglichkeiten, so kann eine indirekte Finanzierung für diese Personen sinnvoll sein, etwa über Spenden oder sonstige Einkünfte aus anderen Quellen.

Weil der Unterschied vielleicht nicht auf den ersten Blick erkenntlich ist, möchte ich ihn an dieser Stelle noch einmal hervorheben: die Menschen, um die es gehen soll, wollen von sich aus ein Produkt oder eine Leistung ein Anspruch nehmen, und ich helfe ihnen wo nötig über indirekte Finanzierung, ihre Schwierigkeiten auf dem Weg zu ihrem Wunsch zu überwinden, anstatt dass ich für sie bestimme, was „diese armen Menschen“ brauchen. Das bedeutet in der Folge auch, dass ein Problem, das real nicht mehr existieren müsste, auch aufhören darf zu existieren.

Ist ein solches Modell realistischerweise umzusetzen? Ich glaube ja, auch oder gerade weil es der gängigen Praxis in Teilen widerspricht. Ich freue mich auch über jegliche Kommentare zum Thema 🙂

Niklas

Geschlossene Macht-Systeme und ihr Monopol

Vor einigen Tagen hörte ich einigen Menschen zu, die über ein muslimisches Mädchen mit Kopftuch diskutierten und wie ihm zu helfen sei, mehr persönliche Freiheit zu erlangen. Es wurden einige interessante Argumente angeführt (etwa, dass ein muslimisches Jugendangebot bzw. das Tragen des Kopftuches für ein muslimisches Mädchen ein Mehr an Freiheit bedeuten kann, weil es sich damit außerhalb des Familiensystems bewegen kann), es kam allerdings auch zum Ausdruck, dass es oft eben leider nicht gelänge, besagten Menschen zu mehr persönlicher Freiheit zu verhelfen. Und während ich weiter zuhörte, kam mir ein interessanter Gedanke: die Familie ist – vor allem in eher traditionell angehauchteren Familien – ein weitgehend geschlossenes Macht-System.

Das Phänomen des leeren Blickes

Um zu erklären, was ich damit meine, muss ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Zeugen Jevovas oder anderen Vertretern der Straßenbekehrer, weil ich – wenn ich nicht gerade in Eile bin – mich sehr für verschiedene Perspektiven zum Thema Glauben und Leben allgemein interessiere. Mit der Zeit ist mir jedoch aufgefallen, dass meine Gesprächspartner unter den Straßenbekehrern oftmals Menschen sind, die oft gar nicht so viel über die – angeblichen – Grundlagen ihres jeweiligen Glaubens (also Bibel, Koran, …) zu wissen scheinen, sollten sie auf jemanden wie mich treffen, der die jeweiligen Werke interessiert gelesen hat und vertiefte Fragen zu stellen weiß.

Wirklich interessant wird es für mich jedoch, wenn ich anfange, ihnen gewisse Fragen zu stellen, die geeignet wären, ihren (oft sonderbar oberflächlich wirkenden) Glauben zu erschüttern, die beispielsweise Widersprüche in den Texten behandeln. Dann habe ich bereits mehrmals ein Phänomen beobachtet, dass ich für mich das „Phänomen des leeren Blickes“ nenne: jemand scheint mich gar nicht mehr hören zu können, sobald ich gewisse Aspekte anspreche. Wechsle ich zurück auf ein „einfacheres“ Thema, läuft das Gespräch wie gehabt weiter, als würde meinem Gesprächspartner gar nicht auffallen, was gerade Seltsames geschehen ist.

Mit der Zeit habe ich dazu für mich die Hypothese entwickelt, dass ich – mehr oder weniger zufällig – mit meinen Fragen die Aspekte des Glaubens des Anderen berührt oder in Frage gestellt habe, die die Grundfesten ausmachen, jene, die er nicht hinterfragen kann, weil er dafür seinen Glauben gewissermaßen von außen betrachten müsste, und dazu ist er (noch) nicht bereit oder fähig.

Ursachen des Phänomens

Ich habe mich bereits wiederholt gefragt, warum diese an sich sehr intelligent und wissbegierig wirkenden Menschen offenbar an einigen „wunden Punkten“ nicht fähig oder willig scheinen, sich bzw. ihren Glauben „von außen“ zu betrachten, und meine derzeitige „Arbeitshypothese“ läuft daraus hinauf, dass sie sich durch ein Hinterfragen „von außen“ eben auch außerhalb der hinterfragten Gruppe oder Gruppen-Identität stellen, und dass die Konsequenzen dieser potentiellen Trennung untragbar erscheinen. Derjenige, der nicht wagt, bestimmte Aspekte seines Seins oder Tuns zu hinterfragen, befindet sich damit in Abhängigkeit der Gruppen, als deren Teil er diesen Aspekt aufrechterhält.

Weil dies sehr abstrakt formuliert ist, ein einfaches Beispiel: das 12-jährige Mädchen, das auf Wunsch ihrer Familie oder ihrer Glaubensrichtung Kopftuch trägt, ist faktisch von seiner Familie abhängig. Es darf in Österreich als zu junge Jugendliche noch nicht arbeiten, was eine gewisse physisch/finanzielle Abhängigkeit zur Familie bedingt, zudem ist es emotional, sozial und in seiner Identität wahrscheinlich noch nicht fähig, unabhängig von ihrer Familie zu leben, was bedeutet, dass ihre Familie (als der Gruppe, von der sie abhängig ist) die Grenzen ihrer Freiräume definiert. Selbst wenn ihre generelle Glaubensrichtung in Österreich kaum reelle Macht besitzt und sie nicht zum Tragen des Kopftuches zwingen kann, kann ihre Familie es tun, wenn sie glaubt, dass dies aus religiösen Gründen richtig ist, oder auch einfach aus dem Grund, weil es der Familie so recht oder bequem ist. Es wird ihr nichts nützen, wenn in Österreich das Recht der Frau auf Selbstbestimmung in der Verfassung steht. Solange sie sich in direkter Abhängigkeit zu anderen Mächten befindet, haben diese anderen Mächte Vorrang.

Trifft dieses Mädchen nun eine engagierte Sozialarbeiterin oder Freundin oder wen auch immer, die es ihr ermöglicht, auch andere Möglichkeiten für sich erträumen zu können, bricht dieser Akt der Unterstützung zwar einen Teil der Abhängigkeit auf, vor allem den emotionalen und sozialen, indem das „Monopol“ der Familie aufgebrochen wird – aber wie oft wird es vorkommen, dass das Mädchen in die Lage versetzt wird, sich auch finanziell/physisch aus ihrer Abhängigkeit lösen zu können? Zudem: wie stark darf es darauf vertrauen, dass diese Unterstützung von außerhalb der Familie auch verlässlich aufrechterhalten wird? Wird die Sozialarbeiterin auch in zwei Jahren noch an ihrer Seite sein? Wird die staatliche Unterstützung weiter ausbezahlt werden, wird sie (falls sie schon etwas älter ist und sich traut, gegen den Willen der Familie einen Job anzunehmen) den Job behalten, die Unabhängigkeit von der Familie dauerhaft aufrechterhalten können?

Das Beispiel des 12-jährigen muslimischen Mädchens ist plakativ gewählt. Im Grunde geht das Phänomen jedoch noch viel weiter. Abseits der medialen Aufmerksamkeit betrifft es im Grunde einen jeden Menschen, ist er hier geboren oder nicht, ist er 6, 12, 18 oder 53: worin besteht meine Abhängigkeit, steht sie mir im Weg, und: kann bzw. wie kann ich sie überwinden? Abhängigkeit an sich muss nicht per se problematisch sein, kann auch eine Art von Geborgenheit bedeuten. Das Problem entsteht dort, wo notwendige Entwicklungen und Ablösungsprozesse nicht durchgemacht werden können – und abstrakt formuliert ist damit immer dann zu rechnen, wenn geschlossene Systeme von Macht und Abhängigkeit in Form eines Monopols auftreten.

In dem Sinne halte ich es für sehr interessant, wenn es Migranten möglichst schwer gemacht werden soll, Arbeit zu finden, obwohl Arbeit zu finden und damit Denk-, Rede- wie Handlungsmöglichkeiten für die Arbeitenden zu erweitern womöglich der rascheste Weg wäre, problematische traditionelle/familiäre Machtstrukturen zu durchbrechen. Denn wer physisch/finanziell direkt abhängig ist von einem autoritären Familienoberhaupt, der mag sich trauen, selbstständig zu denken, aber dem Oberhaupt zu widersprechen oder gar ihm zuwiderhandeln, dazu muss derjenige schon großen Mut besitzen.

„Größere“ geschlossene Macht-Systeme

Ich habe in diesem Artikel bisher weitgehend familiäre Macht-Systeme beschrieben, aber im Grunde lassen sich die beschriebenen Phänomene auch gut auf größere Systeme umlegen, seien es Glaubens-Systeme oder auch Gesellschafts-Systeme. Vor gar nicht allzu langer Zeit war es auch bei uns lebensgefährlich, gewissen Glaubens-Dogmen öffentlich zu widersprechen. Offene Kritik am herrschenden Gesellschafts- wie Wirtschaftssystem ist zwar an sich hier in Österreich durchaus „erlaubt“ und sogar ganz gern gesehen, allerdings interessanterweise innerhalb gewisser Grenzen, ab denen wiederum das Phänomen des leeren Blicks anzutreffen ist. Es ist beispielsweise für den Großteil meiner Bekannten durchaus akzeptabel, Gehälter zwischen 1000 und 3000-4000 Euro zu verdienen, sich vorzustellen, 10000 Euro im Monat zu verdienen (unabhängig davon, ob die eigene Leistung es rechtfertigen würde), fällt den meisten der von mir dazu Befragten jedoch wiederum schwierig. Oder sich zu fragen, ob man „Leistung“ denn überhaupt mit Hilfe von Geld „messen“ kann und ob es damit überhaupt so etwas wie eine „gerechte“ Bezahlung geben kann.

Aus der Perspektive geschlossener sowie offener Macht-Systeme (offen = kein strenges Monopol auf Abhängigkeiten) heraus entstehen einige interessante Parallelen zwischen aktuellen Diskussionen und geschichtlicher Entwicklungslinien. Etwa die kontroverse Bibel-Übersetzung durch bzw. um Martin Luther hier in Europa und der Annahme, man könne den Qu’ran nur im Original, auf Arabisch verstehen, und auch nur dann, wenn man genügend gelehrt sei (wobei fraglich ist, wer aus welchen Gründen bestimmen darf und bestimmt, wer denn als „gelehrt“ bzw. „gläubig“ gelte).

Ist die oben beschriebene Perspektive der geschlossenen Macht-Systeme korrekt, so geht es am Kern-Problem vorbei, Menschen anderen Glaubens (oder anderer Tradition, anderer Ideologie im Allgemeinen) davon überzeugen zu wollen, dass die eigene Ansicht die (für alle Beteiligten) sinnvollere sei, weil der andere – solange er sich in existenzieller Abhängigkeit befindet – mir gar nicht folgen kann. Die Frage wird vielmehr, wie es möglich sein kann, einem jeden Menschen eine Existenzform zu ermöglichen, die es ihm ermöglicht, sich aus ehemals geschlossenen Macht-Systemen zu befreien, wie es also möglich ist, diese geschlossenen Macht-Systeme aufzubrechen, Alternativen zu schaffen, ohne notwendigerweise das Herkunfts-System und möglicherweise wertvoller Teilaspekte desselben gleich mitzuzerstören.

Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, mein Gesprächspartner also nicht nur frei denken, sondern auch frei sprechen und handeln kann, wird eine Diskussion mehr als ein Monolog sein können.

Niklas

Unterdrückung und Förderung von konstruktiven Entwicklungsprozessen in Gruppen

Ich habe hier auf diesem Blog bereits ausführlich über den Heilungskreis und seine Ähnlichkeiten mit dem was ich signifikante Entwicklung oder qualitatives Lernen  nenne geschrieben. Das Modell ist eher auf eine 1:1-Beziehung, etwa zwischen Lehrer und Schüler bzw. Therapeut und Klient bezogen. Einige Muster in den Erfahrungen an meiner neuen Arbeitsstelle haben mich veranlasst, diese mit besagtem Heilungskreis in Beziehung zu setzen und ein grobes Modell für einen allgemeineren Kontext wie einer Gruppe, Klasse oder eben in meinem Fall kleinen Institution daraus abzuleiten. Vieles davon ist Hypothese, wilde Vermutung und keinesfalls wissenschaftlich abgesichert. Sollten allerdings nur Teile davon der Wahrheit entsprechen, wären die möglichen Konsequenzen gravierend.

Wenn Institutionen/Gruppen „feststecken“

In der Institution, an der ich seit einigen Monaten arbeite, bestanden zum Zeitpunkt meiner Übernahme zahlreiche Konflikte zwischen den einzelnen Kindern und Jugendlichen sowie zwischen einigen Mitarbeitern und auch untereinander. Meine Vorgängerin hatte es – wohl unter großen Anstrengungen – zuwege gebracht, dass der Alltag in der Institution für alle Beteiligten gut ertragbar geworden war, indem sie und ihre Mitarbeiter die bestehenden Konflikte gar nicht erst ausbrechen  und austragen ließen. Und so war der Umgang miteinander im Alltag auch weitgehend friedlich, wenn auch relativ straff durchorganisiert.

Nach meiner Übernahme waren mir naturgemäß nicht alle dieser eintrainierten Abläufe 100%ig bewusst, weswegen ich – teils versehentlich, teils absichtlich, weil ich Abläufe als unnötig kompliziert empfand – so manches aus Sicht der Kinder und Jugendlichen wie auch meiner Mitarbeiter wohl „nicht korrekt“ machte. Und immer wieder, oft aus mir nicht ganz ersichtlichem Grund, gab es manche Tage, an denen irgendwie alle halb am Durchdrehen waren. Wo es völlig zu eskalieren drohte, schritt ich deeskalierend ein, ansonsten ließ ich die Beteiligten auch viel untereinander austragen, während ich wachsam beobachtete.

Gefühlt werden diese potentiellen Eskalationen bereits wieder weniger, vor allem aber fällt mir auf, dass plötzlich eine Art von Entwicklung stattfindet, die ich selbst nicht für möglich gehalten hatte, als mir von der Vorgeschichte der Institution erzählt wurde. Nicht nur die Kinder und Jugendlichen werden ruhiger und konstruktiver miteinander, auch die erwachsenen Mitarbeiter ändern zunehmend und oft sehr drastisch ihr Verhalten. Einiges davon habe ich auch aktiv angeregt und meine Gründe erklärt, manches davon habe ich jedoch nicht einmal als Wunschvorstellung ausgesprochen und trotzdem tendiert die allgemeine Entwicklung der Institution gerade in genau die Richtung, die ich mir als mögliches Ziel vorgestellt habe, als wäre diese Art von Entwicklung eine Art natürliche Entwicklung, wenn erst die Bedingungen dafür vorhanden sind.

Die Institution als Ganzes scheint in der ersten Phase des Heilungskreises stecken geblieben zu sein, bevor ich dort übernommen habe, nämlich jener, dass irgendetwas sich nicht so recht richtig anfühlt, aber man noch nicht bereit ist, das Risiko einer radikalen Weiterentwicklung einzugehen. Irgendwie dürfte ich oder vielmehr dürften wir alle gemeinsam es geschafft haben, den so wichtigen mutigen Schritt der Aufgabe alter Strukturen zu gehen. Im Modell des Heilungskreises braucht es dazu die Übergangsperson, die im Moment der totalen Selbstaufgabe (was Paulo Coelho in „Brida“ die „dunkle Nacht des Glaubens“ nennt) Vertrauen und Mut schenkt, es trotz aller existenziellen Ängste zu wagen. Offensichtlich wird mir das Vertrauen geschenkt, diese Rolle ausfüllen zu können.

Unlängst übernachtete ich bei einer alten Freundin, die mir in einem Nebensatz sagte, ich sei „emotional extrem stark“, und der Satz ist mir hängen geblieben. Mir ist schon lange aufgefallen, dass ich emotionale Ausbrüche in jeder Richtung ganz gut und wertfrei aushalten kann, ohne sie persönlich zu nehmen – wahrscheinlich auch weil ich in meinem Leben immer wieder mit psychisch grenzwertigen Menschen zu tun hatte und habe, und da entwickelt man wohl früher oder später die Fähigkeiten, mit emotionalen Ausbrüchen in jede Richtung umzugehen. Tatsächlich kenne ich wenige Menschen, die es wie ich aushalten können, wenn Kinder oder Jugendliche emotionale Konflikte wirklich austragen und auflösen. Das ist oft mit Schmerz verbunden, selten auch physisch, immer jedoch emotional und ergibt sich bereits aus dem Heilungskreis.

Was in der Folge oft passiert, wenn Erwachsene das Austragen emotionaler Konflikte zwischen Kindern und Jugendlichen selbst nicht aushalten können – eben weil sie es persönlich nehmen und von der emotionalen Tiefe zu betroffen sind dass sie sie aushalten könnten – ist entweder der Versuch der Unterdrückung des Konfliktes durch die eigene Autorität oder ein Sich-Rausnehmen aus dem Konfliktes aus (emotionalem) Selbstschutz. Im ersten Fall wird der Heilungskreis bzw. der Prozess des qualitativen Lernens unterbrochen und behindert, im zweiten Fall besteht die Gefahr der Entstehung von emotionaler Panik.

Emotionale Panik

Wer viel mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wird vielleicht schon wie ich festgestellt haben, dass diese sich in Anwesenheit von Erwachsenen anders verhalten als in Abwesenheit dieser. Im zweiten Fall gehen sie üblicherweise ein erheblich weniger emotionales Risiko ein und sind verantwortungsbewusster. Für mich bedeutet dies, dass sie sich in Anwesenheit Erwachsener (bzw. einer Vertrauens-/Übergangsperson unabhängig vom Alter) emotional mehr in eine Situation einlassen können, weil sie davon ausgehen, dass diese sie hindurchbegleitet und sie im Notfall emotional hält.

Emotionale Panik entsteht aus meiner Sicht dann, wenn das Vertrauen nicht gerechtfertigt war und die Vertrauensperson den notwendigen sicheren Rahmen nicht halten kann oder will. Dies sind Situationen, in denen dramatischte Verletzungen (emotional wie physisch) passieren können, und meine Hypothese ist, dass sie dort entstehen, wo die Vertrauensperson erst den Eindruck vermittelt hat sie könne mit einer Situation umgehen, diese sich dann überfordert fühlt aber nicht die Autorität verspürt, eine Eskalation zu unterdrücken und in für sie kontrollierbare Rahmen zurückzudrängen. Es macht einen Unterschied, sich aus einer emotional aufgeladenen Situation herauszuhalten, weil man es den Parteien zutraut, dies auch alleine zu lösen, oder sich herauszuhalten (oder noch schlimmer: währenddessen plötzlich herauszunehmen), weil man dabei selbst überfordert ist. Wenn niemand mehr den Rahmen hält, entsteht emotionale Panik, und die Gefahr des Fallens jeglicher Selbstkontrolle und damit einer weitgehenden Unzurechnungsfähigkeit. Emotionale wie physische Verletzungen sind die Folge.

Emotionale Stabilität

Um den Zustand emotionaler Panik nicht aufkommen zu lassen, ist es wichtig, die Grenzen der eigenen Autorität und Fähigkeiten sehr gut fühlen zu können und im Falle einer drohenden Überschreitung rasch zu handeln. Gleichzeitig braucht es auch eine gewisse Fähigkeit an eigener emotionaler Stabilität, um die notwendige emotionale Instabilität anderer während ihrer Entwicklungsschritte ausgleichen zu können. Eine Freundin sagte mir unlängst, ich sei ein Mensch, der „emotional extrem stabil“ sei, tatsächlich meinte sie wohl eher „emotional resilient“, das heißt ich bin sehr gut darin, emotionale Instabilitäten „aufzufangen“.

Möglicherweise spielt jedoch auch ein Faktor eine Rolle, den ich auf Englisch „purity complex“ nennen würde, auf Deutsch fehlt mir noch ein schöner Begriff dafür, vielleicht Ideologischer Komplex im sehr abstrakten Sinne. Beschreiben möchte ich damit das geistige Modell, dass manche Emotionen „gut“ und andere „schlecht“ seien. Mein bisheriges Leben und die vielen Bücher, die ich bisher gelesen habe, haben mich vom Gegenteil überzeugt, nämlich dass Emotionen an sich letzten Endes weder „gut“ noch „schlecht“ sind, sondern einfach nur – sind. Erst die Idee der Einteilung teilt sie ein. Und unterliegen sie erst einmal dieser Einteilung, so entstehen gewisse „dunkle“ Bereiche der Seele, die dem jeweiligen Menschen unerreichbar werden und die damit seine qualitative Entwicklung und Heilung behindern.

Emotionale Stabilität zu vermitteln, Heiler oder Lehrer im Sinne qualitativen Lernens zu sein bedeutet aber auch, dem Anderen gerade jene dunklen Flecken erleuchten, erforschen und durchleben zu helfen. Den Hass, den man schon so lange unterschwellig für einen anderen Menschen fühlt, für einen Moment ausdrücken zu können, um ihn überwinden zu können. Die Angst nicht zu genügen fühlen zu dürfen und spüren zu dürfen dass man damit nicht alleine ist. Vielleicht ist „Erleuchtung“ zu finden ja genau das Durchleben jenes Prozesses in seiner ganzen Radikalität, nämlich das Durchschauen der Illusionen jeglicher Ideologisierung des Lebendigen und Realen und damit den Zugriff wiederherzustellen auf alle „Tasten“ des emotionalen Instrumentariums.

Die Essenz der Hypothese noch einmal zusammengefasst: für bestimmte Entwicklungen braucht es eine Übergangsperson, die die dabei entstehenden notwendigen emotionalen Verarbeitungsprozesse aushalten und kanalisieren kann, und zwar jemanden, der ehrlich und authentisch genug ist, seine eigenen Grenzen anzuerkennen und zu wahren, aber gleichzeitig auch jemand, dessen Grenzen weit genug gesteckt sind, um die notwendige Entwicklung ermöglichen zu können.

Mögliche Konsequenzen der aufgestellten Arbeitshypothesen

Was bedeutet dies nun aber für den pädagogischen Alltag? Nun, es mag sehr „erleuchtend“ sein, sich selbst immer wieder ehrlich zu fragen, welche Art von emotionaler Auseinandersetzung man als Autorität unterdrückt und wie man sich dieses Verhalten vor sich selbst eigentlich rechtfertigt. Hält man das unterdrückte Verhalten bzw. die dazugehörige Emotion für grundsätzlich schlecht, ist das eigene Verhalten also Teil der Durchsetzung einer Ideologie der Eigenart „Gäbe es Verhalten/Emotion X nicht, wäre die Welt ein besserer Ort“? Fühlt man sich selbst mit der jeweiligen Emotion überfordert? In welchen Situationen könnte diese Überforderung mich auch privat in meiner eigenen Entwicklung behindern? Wie könnte ich mir selbst Rahmen schaffen, den Raum meiner emotionalen Stabilität zu erweitern?

Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Situation in meiner Institution weiter entwickeln wird. Derzeit scheint gewissermaßen „der Knopf aufgegangen“  und so etwas wie „Momentum“ entstanden sein, also eine Art Perpetuum Mobile, das, anfangs noch durch meine eigene Anstrengung in Bewegung gebracht, nun von selbst Fahrt aufnimmt und Entwicklung über Entwicklung in Gang setzt ohne dass ich mehr allzuviel aktiv beizutragen habe.

Sehr interessant wäre für mich auch, inwieweit diese Prozesse tatsächlich methodisierbar und damit von anderen auch reproduzierbar und wissenschaftlich aufzuarbeiten wären, da die Persönlichkeit der Akteure eine derart wichtige Rolle zu spielen scheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass die exakt gleichen Handlungsweisen, die ich anwende, für andere Menschen zu katastrophalen Ergebnissen führen könnten, da sie immer auch ein gewisses Risiko der emotionalen Panik mit sich bringen und damit ein sehr gutes Gespür auch für eigene Grenzen verlangen

Interessant wäre es für mich auch, ob diese konstruktiven Tendenzen langfristig aufrechterhalten werden können, ob meine „Wirksamkeit“ auf Dauer abnimmt und sich einspielt sowie ob ich diese Prozesse auch in anderen Institutionen und Konstellationen reproduzieren könnte. Ist die Antwort ja, würde das bedeuten, dass ich vielleicht am besten für die Stimulierung eher kurz- bis mittelfristige Umstrukturierungs- und Aufbruchsprozesse geeignet bin, vielleicht eher projektbasiert und befristet auf jeweils einige Monate, vielleicht auch eher in Rand-/beratender Position.

Vor allem auch: handelt es sich tatsächlich um eine Art „natürliche“ Umgangsform, die an meiner Institution gerade entsteht, weil ich die Bedingungen dafür schaffe, ähnlich der „Normalisierung“, die Maria Montessori beschrieben hat, oder handelt es sich nur um eine „logische“ Reaktion auf mein Sein und Wirken? Ist es auch langfristig konstruktiv, diese Umgangsformen aufrechtzuerhalten?

Aber fürs erste bin ich auch erst einmal sehr zufrieden mit meiner aktuellen Position als Leiter der Institution und den vielen schönen Erlebnissen, die tagtäglich in Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern und den Kindern und Jugendlichen entstehen.

Niklas

Produktion und Reproduktion

Langsam aber sicher beginnen auch in meiner neuen Arbeit nun die von mir schon so oft beobachteten Prozesse zu wirken: die Kinder bekommen plötzlich Lust aufs Schreiben, obwohl sie gar nicht müssten. Erzählen mir Geschichten über sich selbst, die sie nicht einem jeden erzählen würden, Geschichten, die ihr Selbstverständnis mit definiert haben. Beginnen, sich mit sich selbst, mir und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, sie produktiv zu gestalten. Was Paulo Freire, mein leider schon verstorbener brasilianischer Lieblings-Pädagoge in seinen Büchern beschreibt, entfaltet sich aufs Neue: den Menschen nicht nur das Lesen der Welt aufzeigen, sondern auch das Schreiben. Nicht nur die Re-Produktion des Bestehenden, Äußeren ermöglichen, nicht nur die Ausbildung zu fähigen Objekten zu fördern, sondern das Akzeptieren des jeweils anderen als Subjekt, als aus sich selbst heraus handelnde Person, mit allen produktiven Folgen.

Von Objekten und Subjekten

Es scheint die Grundfesten unseres Schulsystems eine Art von Vorstellung zu durchziehen, dass Menschen, um aus sich selbst heraus produktiv sein zu können, erst lernen müssen, Vorhandenes zu re-produzieren, und natürlich hat diese Ansicht ihre Berechtigung in dem Sinne, dass ein Sich-Ausdrücken und auch Verstandenwerden das Erlernen einer gewissen gemeinsamen Sprache voraussetzt. Die Problematik beginnt dort, wo die Re-Produktion als Ziel statt als Mittel angesehen wird. Nach Paulo Freire ausgedrückt hieße dann mein Ziel, den Menschen das Lesen beizubringen, aber eben nicht auch das Schreiben. Sie zu verständigen Empfängern zu formen, nicht aber auch zu möglichen Reformern. Paulo Freire hatte meiner Ansicht nach recht, wenn er schrieb, dass sein Ansatz ein höchst politischer sei, und die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, Schreiben zu lernen, sei ein ebenso höchst politischer Akt. Dieser Akt sagt: Ja, ich will sie mitschreiben, meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Familie, meines Landes, dieser Welt. Ich verbleibe nicht passives Opfer der Umstände. Ich bin Subjekt. Ich kann handeln.

Ein Mensch, der zu der Vorstellung gelangt ist, Subjekt zu sein, ist ein zutiefst produktiver Mensch, auch wenn er sehr wahrscheinlich die Notwendigkeit der Re-Produktion als Mittel zum Zweck anerkennt. Kein großer Maler wird abstreiten, dass es viele Stunden dauerte, bis er seine Technik verfeinert hat, kaum ein großer Musiker abstreiten, dass er jahrelang geübt hat, bis er die Töne, die er spielen wollte, seiner Intention gemäß re-produzieren konnte. Nur hatte diese Reproduktion einen ihm bewussten und von ihm intendierten Zweck, ist nicht fremdbestimmt, sondern von ihm selbst als Mittel zum Zweck als notwendig und sinnvoll empfunden.

Das Subjekt und die intrinsische Motivation

Im Grunde hat – so hoffe ich – ein jeder sowohl in eigener Erfahrung als auch durch Beobachtung den Unterschied wahrnehmen können, etwa zwischen einem Kind, das eine Hausübung genervt abarbeitet (und damit ohne die Ausrichtung auf ein ihm verständliches Endziel re-produziert, was von ihm verlangt wird) und einem Kind, das – vielleicht sogar mit ebenso großen fachlichen Schwierigkeiten – sich durch eine ihm bedeutsame Aufgabe kämpft. Ersteres braucht oftmals direkte oder indirekte Motivation von außen, um die Aufgabe zu erledigen, das zweite wird vielleicht zwischendurch aufgeben, aber (wenn es nicht zu sehr enttäuscht ist, die Aufgabe nicht zu schaffen) immer wieder darauf zurückkommen. Ein aktuelles Beispiel: Vor knapp zwei Wochen stellte mir mein Cousin eine Mathematik-Aufgabe:

Ein Bauer hat ein exakt kreisförmiges Feld von 50m² und will eine Ziege mit einer Leine so am Rand des Feldes anbinden, dass die von ihr abgegraste Fläche exakt das halbe Feld beträgt. Wie lang muss dazu die Leine sein?

Ich habe dann bei ihm noch eine Stunde gerätselt, zuhause noch eine Stunde, bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe noch eine Stunde probiert, sie wieder nicht geschafft, bis ich die Lösung dann am Vormittag des nächsten Tages nach insgesamt gut 5 Stunden Arbeit gefunden hatte. Niemand hat mich extern dazu motiviert, ich hatte keinen Vorteil davon sie zu lösen oder Nachteil, sie nicht zu lösen, und trotzdem fühlte es sich produktiv für mich an – ich wollte herausfinden ob ich es schaffen kann. Die Aufgabe selbst war durchaus reproduktiv, es gibt (wie ich im Nachhinein feststellte) auch im Internet Lösungen dazu, aber ich wollte sie lösen, weil ich jemand sein möchte, der komplexe Problemstellungen erkennen und Lösungen finden kann, und die Aufgabe damit zu einem Mittel für meine Zwecke wird.

Um nun den Kreis wieder ein wenig zu schließen: Ich bin überzeugt davon, dass diese produktive, aus einem selbst motivierte Art zu lernen a) mit Abstand effizienter ist als eine stur reproduktive und b) den Lernenden selbstständiger und unabhängiger macht und damit – in meinem Weltbild – sinnvoller ist.

(Mir ist klar, dass eine gewisse Unselbstständigkeit und Abhängigkeit durchaus auch im Interesse so mancher Menschen liegen könnte. Trotzdem nehme ich einerseits naiverweise und andererseits im festen Glauben, dass es für eine Gesellschaft langfristig besser ist, wenn alle ihre Mitglieder die Möglichkeit haben, produktiv und damit auch innovativ zu sein, an, dass dies ein gemeinsames Ziel von Pädagogen ist)

Aber der Lehrplan…!

Nun liegt natürlich das Argument sehr nahe, dass ein rein Interesse-geleiteter Lernansatz kaum dazu geeignet sei, den gesamten vorgegebenen Lernstoff zu ergründen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist, woran das liegt. Haben diejenigen, die nach jenem Lehrplan lehren, selbst den Wert der vermittelnden Wissensgebiete und Fähigkeiten noch nicht ausreichend erschöpfend verstanden, um den wirklichen Nutzen sichtbar zu machen, oder enthält er auch unnütze bzw. nur für spezialisierte Anwendungen notwendige Bereiche? Nun ist eine Beurteilung dieser Fragen naturgemäß schwierig, weil verschiedene Menschen gewissen Wissensgebieten anhand ihrer Erfahrungen unterschiedlichen Wert beimessen. Um beim Volksschul-Lehrplan zu bleiben: es fällt mir selbst schwer, das vorgesehene Wissen über Pflanzen mit Sinn zu besetzen, weil ich – ehrlich gesagt – leider selbst kaum Ahnung von Pflanzen habe. Ich kann zwar anerkennen, dass es da Faszinierendes zu finden gibt (glücklicherweise habe ich Menschen kennengelernt, die das besser verkörpern als ich), aber selbst könnte ich diese Begeisterung wohl nur schwerlich vermitteln.

Was mich – während ich dies schreibe – zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: kein Mensch wird alleine fähig sein, für alle Stoffgebiete zu begeistern, weswegen es umso notwendiger wäre, möglichst viele Menschen möglichst vielen unterschiedlichen anderen Menschen auszusetzen, die sich für verschiedenste Themen begeistern können, ob sie sich nun offiziell „Lehrer“ nennen dürfen oder nicht. Nicht notwendigerweise, um ihr Wissen oder ihr Können zu vermitteln, sondern um im Anderen den Funken an Begeisterung zum Glimmen zu bringen. Ich kann dies offensichtlich unter Anderem mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Bereich des Schreibens leisten, vermutlich einfach weil ich es so gern tue und seinen Wert regelmäßig erkennen und spüren kann.

Was es dann sonst noch braucht

Hat dieser Funken dann erst einmal jemanden „entflammt“, so braucht jener kaum mehr externe Motivation, dass er etwas machen soll, wohl aber Räume und Werkzeuge, um produktiv sein zu können. Jemand, der Schreiben lernen will, wird auch mit Ästen im Waldboden seine Buchstaben schreiben oder sie legen oder was auch immer, wird eben statt dem Lehrer den Großvater fragen ihm etwas beizubringen, wirklich aufzuhalten sind die Kids da ohnehin schwer. Trotzdem kann man es ihnen ein Stück weit erleichtern, wenn man ihnen Papier und Stifte zur Verfügung stellt und ihnen die Experimentierräume (zeitlich, räumlich, Schutzräume) und Ressourcen zur Verfügung stellt, sich zu versuchen. Schule/Lernzentren etc. in dem Sinne halte ich für eine durchaus sinnvolle Einrichtung.

Und dann gibt es da noch die notwendigen Frusterfahrungen. Wer mal versucht hat, ein Instrument zu erlernen, weiß wohl, wovon ich spreche. Nur zwischen zwei Akkorden auf der Gitarre schnell genug zu wechseln, kann anfangs schon eine Überforderung darstellen. Oder einen  Ton auf dem Saxophon zu spielen, der nicht scheußlich klingt (bei mir kommt da meist nur ein unschönes Piep!, sehr frustrierend). Da kommt dann der Heilungskreis bzw. der Ablauf signifikanten Lernens ins Spiel, über die ich schon des Öfteren geschrieben habe: Es braucht die Frusterfahrung, es braucht die Übergangsperson, es braucht den Schutzraum, den Glauben dass man kompetenter werden kann, den Glauben an die Methoden usw.

Wahrscheinlich war ich – systemisch betrachtet – tatsächlich ein etwas ungeeigneter Lehrer, weil mein Fokus nie auf dem Re-Produzieren als Endziel lag, wie das eben so üblich zu sein scheint in der Regelschule. Was mir wichtig war, war jedem einzelnen mir anvertrauten Kind zumindest eine Art von produktiver Erfahrung zu ermöglichen, egal wie unwahrscheinlich und unmöglich es anfangs schien, im festen Vertrauen darauf, dass ein produktiv, ein Subjekt gewordener Mensch die zu seiner Entfaltung notwendige reproduktive Arbeit danach ohnehin freiwillig und selbstmotiviert (im Sinne von aus sich selbst heraus angetrieben, „motivieren“ und „Motor“ haben ja sehr ähnliche Wortstämme) leistet, solange er durch die notwendigen Frusterfahrungen durchbegleitet wird. Die letzten Jahre haben mir immer und immer wieder gezeigt, dass dieses Vertrauen nicht unbegründet war. Ob dieser Zugang zum Lernen in eine Regelschule passt, bleibt nach meinen doch eher negativen Erfahrungen mit „dem System“ fraglich.

Nichtsdestotrotz funktioniert er für mich – und offenbar zumindest bisher auch für die mir anvertrauten Kinder – wunderbar, weswegen ich auch weiterhin gerne – im Sinne der produktiven Tätigkeit – darüber schreiben und ihn auch praktisch mit Freuden anwenden werde.

Niklas

Über das Schreiben, das Fertigwerden und das damit Geldverdienen

Letzten Mittwoch habe ich in einer letzten Marathon-Session das Manuskript für mein erstes „richtiges“ Buchprojekt über sinnvolle Meetings und Teamsitzungen soweit fertiggestellt, dass ich es für „bereit“ hielt, Test-Lesern vorgelegt zu werden. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, bis Februar soweit zu sein, aber nach einer ersten „Shitty draft“-Version begann ich mit der zweiten dann anspruchsvoll zu werden. Gewöhnt, Artikel oder kleinere Geschichten von 3-4 Word-Seiten am Stück zu schreiben, oft auch gleich zu überarbeiten und dann rasch zu veröffentlichen, ist der Abschluss größerer Schreibprojekte für mich eine riesige Herausforderung.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte:  wie klein der Prozentsatz der getippten Wörter ist, der letztendlich in der Endversion ankommt. In Zahlen ausgedrückt handelt es s ich (derzeit, ich werde wohl anhand des Feedbacks zur jetzigen  Version noch einmal sehr viel um- und neu schreiben, bis ich – und meine Testleser – zufrieden sind) wohl um maximal  noch 20%. Anders ausgedrückt: für ein 100-Seiten-Buch schreibe ich in Wahrheit gut 500 Seiten, von denen der Leser am Ende den Löwenanteil gar nicht zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist es deswegen so schwer, die Arbeit eines Autors (oder Künstlers allgemein) von außen zu bewerten: man sieht immer nur den über der Oberfläche sichtbaren Teil des „Eisberges“ an Arbeit, und das Werk wird auch noch umso besser, je mehr sein Ersteller es reduziert hat.

Eine weitere überraschende Erfahrung war es, festzustellen, dass ein Teil von mir massiv Angst davor hat, fertig zu werden und vor allem für das fertige Werk Geld zu verlangen. Ich schreibe mittlerweile seit vielen Jahren regelmäßig und gerne auf meinen zwei Blogs, werde auch regelmäßig gelesen (Danke an dieser Stelle für die teilweise bereits jahrelange treue Leserschaft!) und freue mich sehr darüber. Aber tatsächlich Geld mit dem Schreiben zu verdienen, das fühlt sich wie eine Art „magische Grenze“ an, die einerseits wünschenswert erscheint, andererseits auch beinahe „identitätsgefährdend“ wirkt. Ich kenne diese magische Grenze aus Erzählungen von Bekannten und Freunden, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf machen oder zumindest ein Nebeneinkommen erzielen wollten, nur leider kaum jemanden, der sie auch mutig übertreten hat, was das Unternehmen in Ermangelung von Vorbildern nicht unbedingt erleichtert.

Und letztlich stelle ich gerade einerseits genervt von mir selbst als auch andererseits fasziniert fest, dass ich mich nach dieser ersten Vor-Veröffentlichung des Beta-Manuskripts am liebsten für mehrere Tage in einer Höhle verkriechen und weder Tageslicht noch Menschen sehen will. Angeblich nennt sich der Fachbegriff dafür laut kurzer Recherche „PPD – Post Publication Depression“ und beschreibt einen völlig normalen Prozess für Autoren. Na dann: offensichtlich überschreite ich gerade die identitätsgefährdende oder doch wohl vielmehr identitäts-verändernde Grenze, die es mir ermöglichen wird, es für denkbar zu halten, dass jemand tatsächlich für mein geschriebenes Wort Geld zu bezahlen bereit ist. Nach dem hier schon des Öfteren beschriebenen Heilkreis befinde ich mich dabei wohl einfach noch in der Frustrations-Phase, die jeder signifikanten Entwicklung vorangeht. Was von außen betrachtet sehr logisch und im Nachhinein betrachtet notwendig erscheint,  ist nur leider im Zustand des Erlebens eine einzige Qual.

Ich habe mich gestern  und heute schon den ganzen Tag damit gequält, ob ich über diesen Zustand schreiben sollte, weil er nur sehr am Rande direkt mit „Bildung“ zu tun hat und auch nicht wirklich die Form einer Geschichte hat. Allerdings weiß ich ja mittlerweile aus langjähriger Erfahrung, dass mir in solchen geistig/seelisch verwirrten Zuständen immer nur das Schreiben hilft, Ordnung in mein Innenleben zu bringen, wie in einer Art Selbst-Therapie. Was mir wiederum – beruhigenderweise – zeigt, dass die „magische Grenze“ des mit-dem-Schreiben-Geld-verdienens  als identitätsstiftende Veränderung im Grunde auch nur eine weitere Illusion ist: Ich bin längst Autor, auf eine viel identitätsstiftendere Art und Weise, als es der Erwerb von Geld durch Tätigkeit jemals ausdrücken könnte.

Eine weitere Erfahrung, die ich mit den Jahren gewonnen habe, ist jene, dass das augenscheinlich Persönlichste in Wahrheit oftmals das Unversalste, Allgemeinste ist, nur in verschiedenfarbigen Kostümen. In der Hoffnung, aus meinen individuell qualvoll erlebten Zuständen durch ein Davon-Erzählen, ein Sichtbarmachen einen Mehr-Wert für andere zu machen, aus einem destruktiv erlebten Leiden etwas Konstruktives  zu erschaffen, veröffentliche ich nun nach längerer Überlegung doch diesen Text.

Möge sich ein jeder darin finden, was er zu finden braucht.

Niklas