Produktion und Reproduktion

Langsam aber sicher beginnen auch in meiner neuen Arbeit nun die von mir schon so oft beobachteten Prozesse zu wirken: die Kinder bekommen plötzlich Lust aufs Schreiben, obwohl sie gar nicht müssten. Erzählen mir Geschichten über sich selbst, die sie nicht einem jeden erzählen würden, Geschichten, die ihr Selbstverständnis mit definiert haben. Beginnen, sich mit sich selbst, mir und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, sie produktiv zu gestalten. Was Paulo Freire, mein leider schon verstorbener brasilianischer Lieblings-Pädagoge in seinen Büchern beschreibt, entfaltet sich aufs Neue: den Menschen nicht nur das Lesen der Welt aufzeigen, sondern auch das Schreiben. Nicht nur die Re-Produktion des Bestehenden, Äußeren ermöglichen, nicht nur die Ausbildung zu fähigen Objekten zu fördern, sondern das Akzeptieren des jeweils anderen als Subjekt, als aus sich selbst heraus handelnde Person, mit allen produktiven Folgen.

Von Objekten und Subjekten

Es scheint die Grundfesten unseres Schulsystems eine Art von Vorstellung zu durchziehen, dass Menschen, um aus sich selbst heraus produktiv sein zu können, erst lernen müssen, Vorhandenes zu re-produzieren, und natürlich hat diese Ansicht ihre Berechtigung in dem Sinne, dass ein Sich-Ausdrücken und auch Verstandenwerden das Erlernen einer gewissen gemeinsamen Sprache voraussetzt. Die Problematik beginnt dort, wo die Re-Produktion als Ziel statt als Mittel angesehen wird. Nach Paulo Freire ausgedrückt hieße dann mein Ziel, den Menschen das Lesen beizubringen, aber eben nicht auch das Schreiben. Sie zu verständigen Empfängern zu formen, nicht aber auch zu möglichen Reformern. Paulo Freire hatte meiner Ansicht nach recht, wenn er schrieb, dass sein Ansatz ein höchst politischer sei, und die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, Schreiben zu lernen, sei ein ebenso höchst politischer Akt. Dieser Akt sagt: Ja, ich will sie mitschreiben, meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Familie, meines Landes, dieser Welt. Ich verbleibe nicht passives Opfer der Umstände. Ich bin Subjekt. Ich kann handeln.

Ein Mensch, der zu der Vorstellung gelangt ist, Subjekt zu sein, ist ein zutiefst produktiver Mensch, auch wenn er sehr wahrscheinlich die Notwendigkeit der Re-Produktion als Mittel zum Zweck anerkennt. Kein großer Maler wird abstreiten, dass es viele Stunden dauerte, bis er seine Technik verfeinert hat, kaum ein großer Musiker abstreiten, dass er jahrelang geübt hat, bis er die Töne, die er spielen wollte, seiner Intention gemäß re-produzieren konnte. Nur hatte diese Reproduktion einen ihm bewussten und von ihm intendierten Zweck, ist nicht fremdbestimmt, sondern von ihm selbst als Mittel zum Zweck als notwendig und sinnvoll empfunden.

Das Subjekt und die intrinsische Motivation

Im Grunde hat – so hoffe ich – ein jeder sowohl in eigener Erfahrung als auch durch Beobachtung den Unterschied wahrnehmen können, etwa zwischen einem Kind, das eine Hausübung genervt abarbeitet (und damit ohne die Ausrichtung auf ein ihm verständliches Endziel re-produziert, was von ihm verlangt wird) und einem Kind, das – vielleicht sogar mit ebenso großen fachlichen Schwierigkeiten – sich durch eine ihm bedeutsame Aufgabe kämpft. Ersteres braucht oftmals direkte oder indirekte Motivation von außen, um die Aufgabe zu erledigen, das zweite wird vielleicht zwischendurch aufgeben, aber (wenn es nicht zu sehr enttäuscht ist, die Aufgabe nicht zu schaffen) immer wieder darauf zurückkommen. Ein aktuelles Beispiel: Vor knapp zwei Wochen stellte mir mein Cousin eine Mathematik-Aufgabe:

Ein Bauer hat ein exakt kreisförmiges Feld von 50m² und will eine Ziege mit einer Leine so am Rand des Feldes anbinden, dass die von ihr abgegraste Fläche exakt das halbe Feld beträgt. Wie lang muss dazu die Leine sein?

Ich habe dann bei ihm noch eine Stunde gerätselt, zuhause noch eine Stunde, bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe noch eine Stunde probiert, sie wieder nicht geschafft, bis ich die Lösung dann am Vormittag des nächsten Tages nach insgesamt gut 5 Stunden Arbeit gefunden hatte. Niemand hat mich extern dazu motiviert, ich hatte keinen Vorteil davon sie zu lösen oder Nachteil, sie nicht zu lösen, und trotzdem fühlte es sich produktiv für mich an – ich wollte herausfinden ob ich es schaffen kann. Die Aufgabe selbst war durchaus reproduktiv, es gibt (wie ich im Nachhinein feststellte) auch im Internet Lösungen dazu, aber ich wollte sie lösen, weil ich jemand sein möchte, der komplexe Problemstellungen erkennen und Lösungen finden kann, und die Aufgabe damit zu einem Mittel für meine Zwecke wird.

Um nun den Kreis wieder ein wenig zu schließen: Ich bin überzeugt davon, dass diese produktive, aus einem selbst motivierte Art zu lernen a) mit Abstand effizienter ist als eine stur reproduktive und b) den Lernenden selbstständiger und unabhängiger macht und damit – in meinem Weltbild – sinnvoller ist.

(Mir ist klar, dass eine gewisse Unselbstständigkeit und Abhängigkeit durchaus auch im Interesse so mancher Menschen liegen könnte. Trotzdem nehme ich einerseits naiverweise und andererseits im festen Glauben, dass es für eine Gesellschaft langfristig besser ist, wenn alle ihre Mitglieder die Möglichkeit haben, produktiv und damit auch innovativ zu sein, an, dass dies ein gemeinsames Ziel von Pädagogen ist)

Aber der Lehrplan…!

Nun liegt natürlich das Argument sehr nahe, dass ein rein Interesse-geleiteter Lernansatz kaum dazu geeignet sei, den gesamten vorgegebenen Lernstoff zu ergründen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist, woran das liegt. Haben diejenigen, die nach jenem Lehrplan lehren, selbst den Wert der vermittelnden Wissensgebiete und Fähigkeiten noch nicht ausreichend erschöpfend verstanden, um den wirklichen Nutzen sichtbar zu machen, oder enthält er auch unnütze bzw. nur für spezialisierte Anwendungen notwendige Bereiche? Nun ist eine Beurteilung dieser Fragen naturgemäß schwierig, weil verschiedene Menschen gewissen Wissensgebieten anhand ihrer Erfahrungen unterschiedlichen Wert beimessen. Um beim Volksschul-Lehrplan zu bleiben: es fällt mir selbst schwer, das vorgesehene Wissen über Pflanzen mit Sinn zu besetzen, weil ich – ehrlich gesagt – leider selbst kaum Ahnung von Pflanzen habe. Ich kann zwar anerkennen, dass es da Faszinierendes zu finden gibt (glücklicherweise habe ich Menschen kennengelernt, die das besser verkörpern als ich), aber selbst könnte ich diese Begeisterung wohl nur schwerlich vermitteln.

Was mich – während ich dies schreibe – zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: kein Mensch wird alleine fähig sein, für alle Stoffgebiete zu begeistern, weswegen es umso notwendiger wäre, möglichst viele Menschen möglichst vielen unterschiedlichen anderen Menschen auszusetzen, die sich für verschiedenste Themen begeistern können, ob sie sich nun offiziell „Lehrer“ nennen dürfen oder nicht. Nicht notwendigerweise, um ihr Wissen oder ihr Können zu vermitteln, sondern um im Anderen den Funken an Begeisterung zum Glimmen zu bringen. Ich kann dies offensichtlich unter Anderem mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Bereich des Schreibens leisten, vermutlich einfach weil ich es so gern tue und seinen Wert regelmäßig erkennen und spüren kann.

Was es dann sonst noch braucht

Hat dieser Funken dann erst einmal jemanden „entflammt“, so braucht jener kaum mehr externe Motivation, dass er etwas machen soll, wohl aber Räume und Werkzeuge, um produktiv sein zu können. Jemand, der Schreiben lernen will, wird auch mit Ästen im Waldboden seine Buchstaben schreiben oder sie legen oder was auch immer, wird eben statt dem Lehrer den Großvater fragen ihm etwas beizubringen, wirklich aufzuhalten sind die Kids da ohnehin schwer. Trotzdem kann man es ihnen ein Stück weit erleichtern, wenn man ihnen Papier und Stifte zur Verfügung stellt und ihnen die Experimentierräume (zeitlich, räumlich, Schutzräume) und Ressourcen zur Verfügung stellt, sich zu versuchen. Schule/Lernzentren etc. in dem Sinne halte ich für eine durchaus sinnvolle Einrichtung.

Und dann gibt es da noch die notwendigen Frusterfahrungen. Wer mal versucht hat, ein Instrument zu erlernen, weiß wohl, wovon ich spreche. Nur zwischen zwei Akkorden auf der Gitarre schnell genug zu wechseln, kann anfangs schon eine Überforderung darstellen. Oder einen  Ton auf dem Saxophon zu spielen, der nicht scheußlich klingt (bei mir kommt da meist nur ein unschönes Piep!, sehr frustrierend). Da kommt dann der Heilungskreis bzw. der Ablauf signifikanten Lernens ins Spiel, über die ich schon des Öfteren geschrieben habe: Es braucht die Frusterfahrung, es braucht die Übergangsperson, es braucht den Schutzraum, den Glauben dass man kompetenter werden kann, den Glauben an die Methoden usw.

Wahrscheinlich war ich – systemisch betrachtet – tatsächlich ein etwas ungeeigneter Lehrer, weil mein Fokus nie auf dem Re-Produzieren als Endziel lag, wie das eben so üblich zu sein scheint in der Regelschule. Was mir wichtig war, war jedem einzelnen mir anvertrauten Kind zumindest eine Art von produktiver Erfahrung zu ermöglichen, egal wie unwahrscheinlich und unmöglich es anfangs schien, im festen Vertrauen darauf, dass ein produktiv, ein Subjekt gewordener Mensch die zu seiner Entfaltung notwendige reproduktive Arbeit danach ohnehin freiwillig und selbstmotiviert (im Sinne von aus sich selbst heraus angetrieben, „motivieren“ und „Motor“ haben ja sehr ähnliche Wortstämme) leistet, solange er durch die notwendigen Frusterfahrungen durchbegleitet wird. Die letzten Jahre haben mir immer und immer wieder gezeigt, dass dieses Vertrauen nicht unbegründet war. Ob dieser Zugang zum Lernen in eine Regelschule passt, bleibt nach meinen doch eher negativen Erfahrungen mit „dem System“ fraglich.

Nichtsdestotrotz funktioniert er für mich – und offenbar zumindest bisher auch für die mir anvertrauten Kinder – wunderbar, weswegen ich auch weiterhin gerne – im Sinne der produktiven Tätigkeit – darüber schreiben und ihn auch praktisch mit Freuden anwenden werde.

Niklas

Über das Schreiben, das Fertigwerden und das damit Geldverdienen

Letzten Mittwoch habe ich in einer letzten Marathon-Session das Manuskript für mein erstes „richtiges“ Buchprojekt über sinnvolle Meetings und Teamsitzungen soweit fertiggestellt, dass ich es für „bereit“ hielt, Test-Lesern vorgelegt zu werden. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, bis Februar soweit zu sein, aber nach einer ersten „Shitty draft“-Version begann ich mit der zweiten dann anspruchsvoll zu werden. Gewöhnt, Artikel oder kleinere Geschichten von 3-4 Word-Seiten am Stück zu schreiben, oft auch gleich zu überarbeiten und dann rasch zu veröffentlichen, ist der Abschluss größerer Schreibprojekte für mich eine riesige Herausforderung.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte:  wie klein der Prozentsatz der getippten Wörter ist, der letztendlich in der Endversion ankommt. In Zahlen ausgedrückt handelt es s ich (derzeit, ich werde wohl anhand des Feedbacks zur jetzigen  Version noch einmal sehr viel um- und neu schreiben, bis ich – und meine Testleser – zufrieden sind) wohl um maximal  noch 20%. Anders ausgedrückt: für ein 100-Seiten-Buch schreibe ich in Wahrheit gut 500 Seiten, von denen der Leser am Ende den Löwenanteil gar nicht zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist es deswegen so schwer, die Arbeit eines Autors (oder Künstlers allgemein) von außen zu bewerten: man sieht immer nur den über der Oberfläche sichtbaren Teil des „Eisberges“ an Arbeit, und das Werk wird auch noch umso besser, je mehr sein Ersteller es reduziert hat.

Eine weitere überraschende Erfahrung war es, festzustellen, dass ein Teil von mir massiv Angst davor hat, fertig zu werden und vor allem für das fertige Werk Geld zu verlangen. Ich schreibe mittlerweile seit vielen Jahren regelmäßig und gerne auf meinen zwei Blogs, werde auch regelmäßig gelesen (Danke an dieser Stelle für die teilweise bereits jahrelange treue Leserschaft!) und freue mich sehr darüber. Aber tatsächlich Geld mit dem Schreiben zu verdienen, das fühlt sich wie eine Art „magische Grenze“ an, die einerseits wünschenswert erscheint, andererseits auch beinahe „identitätsgefährdend“ wirkt. Ich kenne diese magische Grenze aus Erzählungen von Bekannten und Freunden, die aus ihrer Leidenschaft einen Beruf machen oder zumindest ein Nebeneinkommen erzielen wollten, nur leider kaum jemanden, der sie auch mutig übertreten hat, was das Unternehmen in Ermangelung von Vorbildern nicht unbedingt erleichtert.

Und letztlich stelle ich gerade einerseits genervt von mir selbst als auch andererseits fasziniert fest, dass ich mich nach dieser ersten Vor-Veröffentlichung des Beta-Manuskripts am liebsten für mehrere Tage in einer Höhle verkriechen und weder Tageslicht noch Menschen sehen will. Angeblich nennt sich der Fachbegriff dafür laut kurzer Recherche „PPD – Post Publication Depression“ und beschreibt einen völlig normalen Prozess für Autoren. Na dann: offensichtlich überschreite ich gerade die identitätsgefährdende oder doch wohl vielmehr identitäts-verändernde Grenze, die es mir ermöglichen wird, es für denkbar zu halten, dass jemand tatsächlich für mein geschriebenes Wort Geld zu bezahlen bereit ist. Nach dem hier schon des Öfteren beschriebenen Heilkreis befinde ich mich dabei wohl einfach noch in der Frustrations-Phase, die jeder signifikanten Entwicklung vorangeht. Was von außen betrachtet sehr logisch und im Nachhinein betrachtet notwendig erscheint,  ist nur leider im Zustand des Erlebens eine einzige Qual.

Ich habe mich gestern  und heute schon den ganzen Tag damit gequält, ob ich über diesen Zustand schreiben sollte, weil er nur sehr am Rande direkt mit „Bildung“ zu tun hat und auch nicht wirklich die Form einer Geschichte hat. Allerdings weiß ich ja mittlerweile aus langjähriger Erfahrung, dass mir in solchen geistig/seelisch verwirrten Zuständen immer nur das Schreiben hilft, Ordnung in mein Innenleben zu bringen, wie in einer Art Selbst-Therapie. Was mir wiederum – beruhigenderweise – zeigt, dass die „magische Grenze“ des mit-dem-Schreiben-Geld-verdienens  als identitätsstiftende Veränderung im Grunde auch nur eine weitere Illusion ist: Ich bin längst Autor, auf eine viel identitätsstiftendere Art und Weise, als es der Erwerb von Geld durch Tätigkeit jemals ausdrücken könnte.

Eine weitere Erfahrung, die ich mit den Jahren gewonnen habe, ist jene, dass das augenscheinlich Persönlichste in Wahrheit oftmals das Unversalste, Allgemeinste ist, nur in verschiedenfarbigen Kostümen. In der Hoffnung, aus meinen individuell qualvoll erlebten Zuständen durch ein Davon-Erzählen, ein Sichtbarmachen einen Mehr-Wert für andere zu machen, aus einem destruktiv erlebten Leiden etwas Konstruktives  zu erschaffen, veröffentliche ich nun nach längerer Überlegung doch diesen Text.

Möge sich ein jeder darin finden, was er zu finden braucht.

Niklas

Die 3 heilsamen Erfahrungen

Da ich nun nicht mehr an einer Regelschule arbeite und mich in einer Position befinde, in der ich über die Aufnahme, Ablehnung wie auch Verabschiedung der die Institution besuchenden Kinder und Jugendlichen zu entscheiden habe, stellt sich für mich die Frage, ob es für die langfristige Entwicklung der Besucher besser ist, den Besuch bedarfs- oder beziehungsorientiert zu regeln. Bedarfsorientierung würde bedeuten, den Besuch davon abhängig zu machen, ob der Besucher gerade Bedarf an (Lern-)Unterstützung hat, was einerseits eine gewisse Freiwilligkeit des Besuches voraussetzt, andererseits aber bei einer Art „Slot-System“ auch bedeutet, dass die – begrenzten – Plätze für Besucher für diejenigen reserviert sind, die (lerntechnisch) tatsächlich bedürftig sind. Oder im Umkehrschluss: wer zu gute Leistungen bringt, ist raus. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung für die Verbesserung der Leistungen.

Eine andere Variante (die ich derzeit präferiere) wäre ein eher beziehungsorientierter Ansatz, der in seiner Ganzheitlichkeit mehr als die eine Rolle des Bedürftigen, des Unterstützenswerten ermöglicht und den Besucher damit weniger in seiner Rolle einzementiert. In der Folge kam mir dann der Titel dieses Artikels, die „3 heilsamen Erfahrungen“, in den Sinn. Erfahrungen, die ich nun näher beschreiben möchte:

  1. Ich darf bedürftig/imperfekt sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung einer Umgebung, in der jemand zu der Wahrheit, zum realen Ausmaß seiner Kompetenz stehen kann, ohne fürchten zu müssen geächtet, ausgelacht oder sonstwie beschämt zu werden. Es  ist die Scham darüber, etwas (noch) nicht zu können, was wir glauben, dass wir schon können sollten, die verhindert, dass wir in Zukunft mehr können werden. Es ist der Mut, zur Wahrheit im Moment zu stehen, die Entwicklung ermöglicht. Es braucht die heilsame Erfahrung, dass mein aktueller Stand an Kompetenzen nicht dazu führt, ausgeschlossen zu werden. Ich muss noch nicht gelernt haben. Ich darf noch lernen.

  1. Ich kann kompetent sein

Diese heilsame Erfahrung beschreibt die Wahrnehmung der eigenen Kompetenz und Selbstsicherheit bezogen auf bestimmte Fähigkeiten oder Wissensgebiete,  und der einfachste Weg, diese Erfahrung zu machen, ist jemand anderen erfolgreich etwas zu lehren. Ich bin kompetent genug, zu lehren.

  1. Ich darf einfach nur sein

Die dritte heilsame Erfahrung beschreibt die Loslösung sowohl von der Rolle des Lernenden als auch des Lehrenden, was in gewisser Weise der Muße entspricht. Ich darf auch nichts tun. Nichts darstellen. Ich darf einfach nur ich sein.

Das Problem der „passenden“ Zeit jeder Rolle

Nun gibt es – gesamtgesellschaftlich betrachtet – eine Art Konsens, dass jede dieser Erfahrungen grob einer bestimmten Zeit oder Lebensphase zugeordnet ist. Die Erfahrung der Bedürftigkeit wird Kindern, Jugendlichen und vielleicht noch jungen Erwachsenen zugestanden, aber ab einem gewissen Alter hat man dann schon auch kompetent zu sein und sollte etwas „schon längst wissen“. Erwachsene Besucher und Mitarbeiter haben dadurch Schwierigkeiten, sich eine gewisse Bedürftigkeit oder Noch-Nicht-Kompetenz einzugestehen, was ihre eigene Weiterentwicklung unnötig hemmt.

Kompetenz wiederum wird eher dem Erwachsen-Sein wie dem Alter zugeordnet, was zur Folge hat, dass vorhandene kindliche Kompetenz im Großen und Ganzen meist völlig übersehen und schon gar nicht erwartet wird.

Das Problem der Dualität der Rollen

Muße hingegen wird als eine Art Gegenpol zur Arbeit angesehen, was im Bereich der Pädagogik zu der etwas absurden Situation führt, dass Lehrer während der Arbeitszeit ein Bedürfnis nach „aktivem Lehren“ haben – und Lehren für gewöhnlich einen zu Belehrenden braucht. Daher muss der Schüler in der Arbeitszeit des Lehrers eben auch arbeiten – und das relativ unabhängig vom tatsächlichen Nutzen für den Schüler. Anders ausgedrückt:  Die den ersten zwei heilsamen Erfahrungen verwandten Rollen bedingen sich gegenseitig. Es braucht einen Schüler für einen Lehrer, oder er ist nur ein verwirrter Mensch, der mit sich selbst zu reden scheint. Derjenige, der die Erfahrung der Kompetenz sucht, in dem er lehren möchte, braucht also den Bedürftigen als Gegenpart, um sich selbst eine heilsame Erfahrung schenken zu können. Die einfachste Möglichkeit, auch die dritte heilsame Erfahrung machen zu dürfen, ist es, auf Menschen zu treffen, die diese selbst aushalten, ohne in die erste oder zweite zu rutschen (Bedürftigkeit oder Helfen-Müssen).

Wenn ich nun allen Besuchern der Institution, in der ich arbeite, diese drei heilsamen Erfahrungen ermöglichen möchte, so muss ich mich fragen, ob ich diese drei heilsamen Erfahrungen für mich selbst bereits oft genug gemacht habe, um sie jeweils auch anderen zu ermöglichen. Bin ich kompetent genug, um andere so lehren zu können, dass sie sich ihre Bedürftigkeit erlauben können? Kann ich mir also auch als Erwachsener erlauben, inkompetent zu sein, um einem Kind oder Jugendlichen die Erfahrung der Kompetenz zu ermöglichen, mich zu lehren? Kann ich es aushalten, (auch vor anderen, nicht nur wenn niemand zusieht!)  nichts Offensichtliches zu tun, um auch anderen die Erfahrung der Muße zu ermöglichen?

Niklas

Symbolische Motivation

Den meisten Menschen – zumindest jenen, die sich mit Pädagogik beschäftigen – dürften mittlerweile die Begriffe extrinsische und intrinsische Motivation bekannt sein. Als Auffrischung: intrinsische Motivation beschreibt ein Handeln, das aus dem Handeln selbst Befriedigung verschafft (etwa wenn der Einsatz des eigenen Körpers im Training Lustgefühle erzeugt), während extrinsische Motivation (ex = außen) von einem Grund ausgeht, der außerhalb der Handlung selbst liegt (etwa die erhoffte Gewichtsabnahme durch besagtes Training). Intrinsische Motivation ist demnach größtenteils Moment-bezogen, extrinsische auf die Zukunft (ich handle, um etwas zu erreichen oder zu verhindern).

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es mindestens noch eine weitere Art der Motivation gibt, die ich in Ermangelung eines mir bekannten Begriffs dafür für mich „symbolische Motivation“ getauft habe.

Ein Versuch einer Definition

Symbolische Motivation ist für mich dort zu finden, wo ein Handeln oder Nicht-Handeln darauf ausgelegt ist, eine bestimmte Struktur oder Ordnung zu beweisen. Es ist damit eine Art Versuch, die Vergangenheit  in der Gegenwart durch Handeln oder Nicht-Handeln zu rekonstruieren. Relativ einfach lässt sich dies wohl am Beispiel eines Kusses verdeutlichen: Ein Kuss zwischen zwei Menschen kann sehr verschieden motiviert sein: Er kann bei einem oder beiden der Küssenden intrinsisch motiviert sein (zu küssen ist angenehm), er kann extrinsisch motiviert sein (z.B. lass uns den Streit vergessen, lass uns – in der Folge – Sex haben, …) oder eben symbolisch (z.B. wir sind in einer Beziehung, deswegen küssen wir uns, uns nicht zu küssen würde unsere Beziehung in Frage stellen).

In der Realität werden sich die verschiedenen Arten der Motivation vermutlich gegenseitig überlappen, und vor allem die Unterscheidung zwischen extrinsischer und symbolischer Motivation erscheint auf den ersten Blick schwierig oder womöglich sogar sinnlos. Der Unterschied liegt – für mich – in der Objektivität oder der Berechenbarkeit der Folgen. Extrinsische Motivation ist – zumindest in vielen Fällen – von allen Beteiligten als solche erkennbar. Symbolische Motivation hingegen baut auf den jeweils subjektiven Prägungen auf, die bei den meisten Menschen unterbewusst wirken. Während extrinsisch motivierte Menschen also zumeist wissen, was sie tun, ist dies bei symbolisch motivierten Menschen vergleichsweise selten der Fall, oder aber sie glauben nur, es zu wissen.

Beispiele aus dem pädagogischen Alltag

Ich habe mich oft darüber gewundert, wie schwer es vielen Lehrern fällt, Schülern beim selbstständigen Arbeiten oder – noch schlimmer – Nichtstun zuzusehen. Durch die Brille der symbolischen Motivation betrachtet bedeutet ein vollkommen selbstständiger, mündiger und un-abhängiger Schüler implizit eine Infragestellung der eigene Rolle als Lehrer. Wenn meine – unbewusste – Rollenvorstellung des Lehrerverhaltens („Ein Lehrer zeigt Verhalten X und niemals Verhalten Y“) plötzlich nicht (mehr) angebracht ist, wer bin ich dann? Einiges im Verhalten eines Lehrers mag intrinsisch motiviert sein (ich erkläre gerne, ich bereite gerne vor, ich freue mich – empathisch – wenn ein Schüler etwas versteht), einiges extrinsisch (ich bekomme Anerkennung der Eltern/Kollegen/Schüler, ich bekomme Geld, …), ein großer Teil aber auch symbolisch (ich unterrichte, weil ich Lehrer bin). Ein bösartiger Gedanke am Rande: warum muss es wohl in jeder Klasse „schlechte Schüler“ geben, die der besonderen Aufmerksamkeit des Lehrers bedürfen? Würde ein durchschnittlicher Lehrer damit zurechtkommen, wenn – wie durch ein Wunder – alle seine Schüler ihn nicht mehr als Lehrer brauchen würden?

Ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Geschichte: bis vor einigen Jahren sahen alle meine Beziehungen stark nach einem massiven Helfer-Syndrom aus. Wobei ich – in meinem Weltbild – natürlich immer der gute Samariter war, der in heroischer Selbstaufopferung alle „rettete“. Ich habe Jahre (und sehr viel konstruktives wie destruktives Feedback) gebraucht, um überhaupt wahrzunehmen was ich da machte (und bisweilen sicher immer noch tue). Mit der Helfer-Rolle habe ich einen gewissen Wert assoziiert, und kämpfe immer noch bisweilen mit der Frage, wie ich mir denn anderweitig meine Existenzberechtigung erklären soll. Nur: mittlerweile bin ich besser darin geworden, diese ungesunden Momente zu erkennen, und ich kann offener darüber sprechen/schreiben.

Die Problematik

Symbolische Motivation an sich ist nichts Schlechtes oder Abnormales, sie ist sogar sehr alltäglich. Die damit verbundene Schwierigkeit ist jene der Interpretation. Aufgrund meiner eigenen Prägungen werde ich mein Handeln und das Anderer anders interpretieren als diese das tun werden. Ein durchschnittlicher Lehrer wird mein augenscheinliches Nichts-Tun in gewissen pädagogischen Situationen vielleicht für unvereinbar mit der Rolle eines Lehrers halten, was ihn zum Schluss führen mag ich sei kein Lehrer oder – problematischer – ein unfähiger Lehrer, wohingegen ich vielleicht genau umgekehrt interpretieren würde. Dasselbe Phänomen existiert in jedweder Beziehung, sei es zu Familienmitgliedern, Freunden oder auch noch intimeren Beziehungen. Ein jeder Mensch trägt einen Rucksack an Prägungen mit sich, und diese Prägungen ordnen bestimmten Handlungen einen bestimmten – subjektiven – symbolischen Charakter zu.

Ein wohl allgemein bekanntes Beispiel beispielsweise ist die Prägung „wenn du in einer Beziehung bist und dich auch zu jemand anderem hingezogen fühlst, kannst du deinen Partner nicht ‚richtig‘ lieben“. Ich kenne unzählige – auch langjährige – Gegenbeispiele, aber noch viel mehr Beispiele, in denen Menschen sich innerlich zerrissen haben, weil sie daran geglaubt haben, dass das so sein muss (bzw. ihr Umfeld terrorisierten, um die – rein statistisch gesehen offensichtlich relativ normale – „Wahrheit“ geheim zu halten). Ebenso zahlreiche Beispiele von – auch sexuellen – Handlungen, um dem Partner zu beweisen, dass man ihn liebt, obwohl man sich aus verschiedensten Gründen die nichts mit dem Partner zu tun haben gerade überhaupt nicht danach fühlt. Ausgelöst durch diverse Prägungen wie „wenn mein Partner nicht (mehr) mit mir schlafen will, liebt er mich nicht mehr“.

Im Grunde handelt es sich bei vielen dieser Handlungen um Interpretationen nach den Gesetzen einer Art fiktiven Welt, die dann – eben durch die symbolische Motivation der Handlungen – über die tatsächlichen Bedürfnisse in der realen Welt „gestülpt“ wird. Und aus fiktiven Gesetzmäßigkeiten wird am Ende Realität, weil gleich einem Theaterstück alle Beteiligten motiviert sind, ihre Rollen ein- und aufrechtzuerhalten.

Symbolische Motivation kann dadurch durchaus zu einem Minenfeld werden. Die gute Nachricht ist, dass es im Grunde nur Vorteile haben kann, sich bewusst damit zu befassen. Handeln tun wir nämlich so oder so ständig aufgrund von symbolischer Motivation, aber wenn wir uns dabei ein Stück weit über unsere eigenen Vorstellungen von den Gesetzmäßigkeiten der Welt wundern oder sogar darüber schmunzeln können – umso besser.

Niklas

Beziehungen sichtbar machen

Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-Ausprägung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fühle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten Gründen gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genügend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hätte, und fühle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsächlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknüpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun. Mit den meisten meiner länger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und für den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darüber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mäßig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefühlt enger verbunden fühlte, als ich als tatsächlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wäre, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schätzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fällt, meine Verlässlichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man über Gruppendruck eher lächeln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fühlen.

Beziehung entsteht dadurch für mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlängst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich größtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle Brücken zu jemandem abbrechen zu müssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fühle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug über das ewige Kommen und Gehen dieser Gefühle, um üblicherweise niemanden festhalten zu müssen. Es hat eine Art ästhetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrücken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die für mein primäres Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadäquat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primäres Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel ähnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender Intensität durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die türkisen Post-Its mit Menschen, über deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber für die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its für Kontakt mit Menschen, für den ich in unregelmäßigen Abständen eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its für Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa für jemanden, den ich mit einer an völliger Irrationalität grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primären Erleben eine Art von Gruppen-Identität vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wünschen würde. Es waren weniger als ich ursprünglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – für möglich, und das halte ich für einen wichtigen ersten Schritt.

…und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wünsche grundsätzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefühlte Notwendigkeit, Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen mit zu übernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst überfordert, mittlerweile nähere ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied für mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild für mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch für mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung führte und auf die ich regelmäßig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafür geschämt habe, solch ein Werkzeug überhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglücklich, fühlte mich einsam und unfähig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefühlt hätte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darüber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darüber spricht.

Wer es für notwendig hält nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schütze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand für mich nur ein „türkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und türkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsächlicher Energieeinsatz zu der Intensität der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fühlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines ähnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrücklich über private Kontakte. Mir ist natürlich klar, dass im beruflichen Umfeld üblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.

Bitte um Mithilfe: Suche Erfahrungsberichte zu Meetings, Konferenzen, Team-Sitzungen

Seit gut 3,5 Jahren schreibe ich nun mehr oder weniger regelmäßig über meinen Bunterrichten-Blog über im weitesten Sinne pädagogische Themen, und bei über 200 Artikeln von im Durchschnitt 3-4 A4-Seiten sammelt sich dann doch einiges an Erfahrungen und Wissen an. Weil ich aus beruflichen Gründen gerade mehr freie Zeit zur Verfügung habe als sonst, wollte ich diese Zeit nutzen, um ein größeres Schreib-Projekt anzugehen, bei dem dieser ansonsten über zahlreiche Artikel verteilte Erfahrungsschatz zu einem bestimmten Thema möglichst klar und übersichtlich aufbereitet wird.

Da ich – vor allem, wenn es sich um mehr als ein paar A4-Seiten handeln soll – ungern „in die Luft“ schreibe, war es mir ein Anliegen, ein Problem auszuwählen, das tatsächlich viele Pädagogen betrifft und wofür sich potentielle Leser auch interessieren, oder anders gefragt: was kostet im Schulalltag besonders viel Energie? Aufgrund eigener Vorerfahrungen sowie einer Blitzumfrage unter Pädagogen in meinem Bekanntenkreis hat sich ein Thema besonders angeboten, vor allem weil es fälschlicherweise von vielen als notwendiges Übel betrachtet wird: Meetings, Konferenzen und Team-Sitzungen.

Das Ziel des Ratgebers

Im Internet existieren bereits zahlreiche Artikel zum Thema Verkürzung von Meeting-Zeiten, auch gibt es bereits unzählige Bücher zu dem Thema, warum also noch einen weiteren Ratgeber verfassen? In den letzten Tagen und Wochen habe ich Hunderte Artikel zum Thema durchforstet und festgestellt, dass es zwar viele gute und anwendbare Tipps zu finden gibt, diese aber a) eben über Hunderte Artikel verstreut und mit vielen eher kontraproduktiven Tipps vermischt sind und b) kaum erklärt wird, warum diese Tipps funktionieren sollen, was es für Einsteiger noch schwerer macht, für die eigene Situation sinnvolle Handlungsweisen herauszufiltern.

Meine Arbeit zum Thema soll – nach derzeitigem Plan – folgende Kriterien erfüllen:

  • Beabsichtigte Effekte der Anwendung des Ratgebers
    • Vermeidung überflüssigen Energie- und Zeiteinsatzes
    • Getroffene Entscheidungen werden auch umgesetzt
    • Nicht-manipulatives, bedürfnisorientiertes Vorgehen
  • Kein Vorwissen notwendig
  • Sofort anwendbare Vorschläge
  • Hintergrundwissen zu Vorschlägen, um sie selbst auf die besondere Umgebung des Lesers anpassen zu können (in Informatiker-Sprache ausgedrückt: Programm + Source-Code)

In vielen bestehenden Artikeln geht es darum, Meetings so zu gestalten, dass die Teilnehmer mehr Spaß daran haben oder – bis zum Anraten von Mitteln der Hypnose – zumindest glauben, Spaß daran zu haben. Abgesehen davon, dass für die erfolgreiche Anwendung der entsprechenden Techniken einiges an Training erforderlich sein wird, bin ich vor allem bei sich wiederholenden Zusammenkünften kein großer Freund von im weitesten Sinne manipulativem Vorgehen, da es einerseits ethische Fragen aufwirft und andererseits für den Manipulierenden anstrengender ist, da er mehr Kontrolle ausüben muss als wenn er auf Selbstverantwortung setzen würde. Anstatt Energie aufzuwenden, ein Meeting lustvoller zu gestalten (etwa indem es im Stehen absolviert wird oder mit möglichst viel Humor – was auch nicht für jeden Typ Mensch gleich gut durchführbar ist), halte ich es für sinnvoller, durch geschickte Organisation und Klarheit in Vorgehen und Kommunikation dafür zu sorgen, dass die Teilnehmer den intrinsischen Wert der Zusammenkunft wahrnehmen konnten, etwa indem Entscheidungen nun auch sichtbar umgesetzt werden.

Bitte um Mithilfe

Auch wenn ich in Zeiten des Internets Zugriff auf unzählige Artikel zum Thema habe, diverse Bücher durchforsten kann und auch selbst vor allem aus meiner Zeit an der Freien Schule, an der wir viel mit der Gestaltung von Teamsitzungen experimentiert haben, einiges an Erfahrung zum Thema mitbringe, brauche ich doch auch noch Erfahrungen von möglichst vielen weiteren Menschen, die regelmäßig in Teamsitzungen, Konferenzen und Meetings zusammenkommen – damit der geplante Ratgeber gut und auch aus möglichst vielen Perspektiven noch praxisnaher wird.

Ich möchte daher um die Zusendung von Erfahrungsberichten zum Thema bitten, seien es aktuelle oder auch bereits gelöste Schwierigkeiten, gerne als Email oder Kommentar zu diesem Beitrag. Für Schreibfaulere komme ich ansonsten auch persönlich vorbei, wenn es der Zeitplan zulässt.

Da ich mich mittlerweile doch sehr eingängig mit der Thematik beschäftigt habe, kann eine Zusendung Ihrerseits nicht nur mir für meine Arbeit behilflich sein, sondern mit meiner Antwort auch Ihnen helfen, Ihre Team-Sitzungen und Konferenzen zu entschlacken und sowohl effizienter als auch effektiver (im Sinne der Ergebnisse) zu machen.

Niklas

P.S.: Auch wenn sich der Ratgeber an dem ich gerade schreibe in erster Linie an Pädagogen richtet, sind die darin enthaltenen Methoden und Prinzipien im Grunde auch auf Unternehmen und andere Institutionen übertragbar, weswegen ich mich ebenso über Zusendungen von Erfahrungen aus Unternehmen freuen werde. Viele Freunde und Bekannte erzählen mir immer wieder, dass Meetings in Unternehmen oft mindestens so frustrierend für alle Beteiligten sind wie in Schulen, da gäbe es wohl auch Potential 🙂

Vom Placebo-Effekt in der Pädagogik

Vor etwa einem Jahr besuchte ich mit meiner Freundin eine ihrer Vorlesungen im Studium der Theatertherapie, es ging um die abstrahierten Bedingungen von (psychologischen) Heilungsprozessen – ich habe darüber auch hier in diesem Blog geschrieben. Schon damals war mir die Ähnlichkeit mit den Bedingungen des Gelingens von dem, was ich hier als „qualitativem Lernen“ beschreibe, aufgefallen: „Durchbruchs-Erfahrungen“ im Lernen, die eine gewisse transzendentale Qualität mit sich bringen, also nicht ein Mehr an Gleichem, sondern einen qualitativen Entwicklungsschritt, ein Umgehen-Lernen mit einem höheren Komplexitätsgrad. Der Vortragende Professor erwähnte in einem Nebensatz jedoch noch einen weiteren sehr interessanten Gedanken: es gäbe Forschungen, demnach ca. 60% aller Heilungsvorgänge (Schulmedizin inkludiert) in ihrem Ursprung Placebo-Effekte seien, wobei letztere in der relevanten Definition nicht eingebildet im Sinne von nicht-existierend sondern eingebildet im Sinne von Glaubens-basiert seien. Umgelegt auf die Pädagogik würde das bedeuten, dass über die Hälfte unseres Einflusses auf die Entwicklung der uns anvertrauten Schüler überhaupt nicht von der gewählten Methodik abhängen. Nur: wovon dann?

Berge versetzen?

In seinem Vortrag erwähnte der Vortragende mehrere Komponenten, die relevant für die Heilung des Hilfesuchenden seien, etwa dass er an die Autorität des Therapeuten/Schamanen/Arztes/… glaube, dass sein für ihn relevantes Umfeld daran glaube (in unserem Fall etwa z.B. Eltern), dass der Behandelnde selbst an die Wirkungsmacht seiner Methode glaube. Einen Aspekt hatte er meiner Erinnerung nach jedoch damals nicht erwähnt, obwohl er mir – gerade für das Lernen und die Entwicklung von Menschen – besonders relevant erscheint: glaube ich als Lernender daran, dass ich es schaffen kann? Ich kann nämlich durchaus an eine Methode glauben, ohne zu glauben, dass sie an mir Wirkung zeigen wird.

In den meisten Schulklassen wird es wohl spätestens nach ein paar Jahren zu einem gewissen „realistischen“ Selbstbild der Schüler über ihre Fähigkeiten kommen. Sie haben irgendwann erkannt, dass sie etwa im Rechnen sehr gut sind, in Deutsch aber nicht so gut, oder umgekehrt, oder in künstlerischen „Nebenfächern“ besser oder auch in gar keinen Schulfächern. Auch in der Klasse, die ich zuletzt in Deutsch unterrichtet habe, waren die „Guten“ und die „Schwächeren“ zum Zeitpunkt meines Dienstantritts in ihrer Selbstwahrnehmung bereits klar verteilt, und dies wäre wohl auch so geblieben, wenn ich den aktuellen Stand als Tatsache akzeptiert hätte – aber wer sich oft genug mit den Implikationen von Neuroplastizität und den Vorteilen des „Growth-Mindset“ zur Betrachtung der Entwicklung von Menschen beschäftigt hat, kann den „schlechten Schüler“ kaum mehr als Tatsache akzeptieren. Daraus ergibt sich nicht automatisch ein von mir ausgeübter Druck zur Veränderung, aber die Möglichkeit zur Entwicklung entsteht.

Warum Glaube in der Pädagogik notwendig ist

Eine der wertvollsten Konsequenzen, die ich aus dieser Betrachtungsweise für mich gezogen habe, ist die Notwendigkeit, an Potentiale glauben zu können, und am einfachsten erklärt sich diese Notwendigkeit aus ihrer Negation: wenn ein Schüler glaubt, ein schlechter Schüler in Deutsch zu sein, seine Freunde, Eltern und Lehrer dies ebenso als Faktum akzeptieren wie er selbst, wie soll sich dieses Selbstbild ändern können? Selbst wenn er gegenteilige Erfahrungen macht, wird er sie tendenziell als „Zufälle“ oder „falsche Rückmeldungen“ einordnen. Wenn es jedoch nur eine einzige Person gibt, die ihm eine alternative Weltsicht entgegenhält, schenkt ihm diese Person damit die Möglichkeit, an seinem starren Selbstbild zu zweifeln. Macht er unter dem Einfluss dieses Zweifels seinem Selbstbild gegenteilige Erfahrungen, so mag er anfangen, an die Möglichkeit einer Entwicklung zu glauben, an die Möglichkeit, dass seine Anstrengungen Erfolg haben könnten. Wenn ein Schüler nicht daran glauben kann, dass ihm seine Anstrengung Erfolg bringen kann, wird er seine Aufgaben zwar möglicherweise erledigen (etwa um keine Schwierigkeiten zu bekommen), aber sie werden kaum Wirkung zeigen.

Hierzu ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass es mir tatsächlich um die Beantwortung der Frage „Könnte ich mich tatsächlich weiterentwickeln?“ geht, nicht um ein allgemeins „Funktioniert die Methodik?“. Ein Schüler mit dunkler Hautfarbe mag etwa der festen Überzeugung sein, dass die Methode „für Weiße“ für ihn nicht funktioniere, weil er seine Hautfarbe für den Grund seines „Nicht-Funktionierens“ hält (womöglich hervorgerufen durch unbedachte Aussagen von „Freunden“). Bevor es für einen Menschen möglich ist, Entwicklung als solche zu akzeptieren und in sich auch zu stabilisieren, muss sie ihm denkbar sein. Wenn er sich etwa „fliegen“ vorstellen kann, selbst wenn er noch nie einen fliegenden Menschen gesehen hat, ist die Entwicklung zum fliegenden Menschen für ihn plötzlich (wenn auch unwahrscheinlich) möglich. Sieht er einen fliegenden Menschen, wird die Chance steigen, dass er es für möglich hält, selbst einmal fliegen zu können. Je ähnlicher die Voraussetzungen des „Vorbilds“ zu den eigenen, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mensch es für möglich hält, sich ebenso verhalten zu können. Diese Vorbilder müssen keine realen Personen, können ebenso Romanfiguren oder Zeichentrickfiguren sein. Wichtig ist, dass sie den Denkraum erweitern von „Ich bin so“ zu „Ich bin so und könnte auch so sein“.

Kann Glaube wirklich so wichtig sein?

Ich vermute, dass ein sehr großer Anteil meiner pädagogischen Erfolge am Ende auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass ich an ein riesiges Potential eines jeden mir anvertrauten Schülers glaube, und zwar nicht als Methode sondern als sich immer wieder bestätigender Erfahrungswert. Der Rest meiner Methodik baut zu einem großen Teil darauf auf, ein Umfeld zu erschaffen, in dem die mir anvertrauten Schüler angstfrei den Zweifeln an ihrer Inkompetenz nachgehen und sich selbst das Vorhandensein dieser Potentiale beweisen können – aber ohne den Glauben an sie, der allen anderem zugrunde liegt, wäre der Rest wohl weit nicht so effektiv.

Letzten Mittwoch habe ich bei einer Lehrerversammlung jemanden getroffen, der darüber spricht, wie wichtig Schlüsselpersonen in der Entwicklung von Kindern sind, also Personen, die im richtigen Moment an einen glauben, Zugang zu Ressourcen bereitstellen, und dass dies sehr oft auch  sind, die nicht in der gesellschaftlich dafür vorgesehenen Aufgabe als Lehrer oder Eltern fungieren. Ein Freund erzählte mir etwa, dass für ihn ein alter Antiquitätenhändler eine Schlüsselperson war, weil dieser ihm immer wenn er als Kind vorbeilief, Bücher vorbereitet hatte, die seinen Horizont erweiterten. Bei mir war es eine Religionslehrerin, später ein Supervisor, meine Stiefmutter, und ich hatte großes Glück, diese Menschen treffen zu dürfen – ein Glück, das nicht jedem Kind vergönnt ist. Weswegen ich glaube, dass es wichtig wäre, als Lehrer für die ihm anvertrauten Schüler so eine Schlüsselperson sein zu können oder es zumindest zu versuchen. An jeden einzelnen Schüler zu glauben, auch – oder gerade – wenn er anstrengend oder besonders unfähig wirken mag.

Dies erlöst einen Lehrer nicht von der Aufgabe, sich auch stoffbezogen und inhaltlich vorzubereiten, aber es erleichtert diese Aufgabe ungemein, da der Samen des behandelten Stoffes fortan auf fruchtbareren Boden fallen wird.

Niklas